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BERICHT

 

Das Loch in der Wand (Das Loch Inder (!) Wand, Scherz d.Red.)

von Walter Wüllenwebe (Stern)

Sie wissen nicht, was ein Computer ist. Und sie haben nie eine Schule besucht. Dennoch surfen diese Kinder aus einem indischen Slum im Internet. Die Geschichte eines einzigartigen Experiments

Er heißt Satish Kumar, ist acht Jahre alt, lebt in einem Slum in New Delhi und wird vielleicht einmal so reich wie Bill Gates. Wegen dieses Experiments. Zu Anfang haben die meisten es nicht ernst genommen. Einige lachten sogar. Doch wer heute davon hört, der ahnt: Dieses Experiment könnte nicht nur das Leben von Satish Kumar, sondern auch das Millionen anderer Slumkinder verändern.

"Ich nenne es das Loch-in-der-Wand-Experiment", sagt Sugata Mitra, der Mann, der die Idee dazu hatte. Die Wand ist eine für Indien typische Mauer. Haarscharf trennt sie zwei Welten. An die eine Seite branden die Ausläufer des berüchtigten Kalkaji-Slums. Hier wurde Satish Kumar geboren, hier lebt er: eine Kloake, in der Menschen in Hütten hausen, unter Plastikplanen oder unter freiem Himmel. Schweine durchpflügen Müllberge. Keine Wasserleitung, keine Toiletten. Fäkalien wälzen sich durch einen offenen Steinkanal.

Auf der anderen Seite der Mauer arbeitet der Wissenschaftler Sugata Mitra. Hier plätschern Springbrunnen. Der Duft frisch gemähten Rasens mischt sich mit dem Slumgestank. Männer in Anzügen stehen beisammen mit Teetassen in der Hand. In den Jacketts fiepen Handys. Unmittelbar an der Mauer steht eine Ganesh-Statue, der Gott des Erfolgs, dahinter das palastartige Hauptquartier von NIIT, einem der großen Softwareproduzenten Indiens und dem weltweit größten Entwickler von Computerlernprogrammen. Rund 5000 Mitarbeiter beschäftigt der Konzern in 37 Ländern. Sugata Mitra ist der für Entwicklung zuständige Vorstand.

Die Mauer ist kaum mannshoch. Wer will, kann drüberschauen. "Es ist ein zweiseitiger Zoo", sagt Mitra. "Auf beiden Seiten Affen - für die jeweils anderen." Der Junge Satish hat beobachtet: "Die tragen da drüben warme Jacken, auch in der Hitze. Weil es im Haus immer schön kühl ist."

Im Frühjahr 1999 verblüffte Sugata Mitra seinen Chef mit einem Vorschlag. "Erst dachte ich, der ist übergeschnappt", sagt Rajendra S. Pawar, der Vorstandsvorsitzende von NIIT. "Aber Sugata und ich haben zusammen studiert, und er ist einer der intelligentesten Menschen, die ich kenne. Also habe ich zugestimmt." Wenige Tage später beobachteten die "Anzüge" im Garten, wie sich Handwerker an der Mauer zu schaffen machten. Dicht neben der Ganesh-Statue stemmten sie ein Loch in die Wand und installierten darin ein Computer-Terminal plus einen Joystick, der wie eine Maus funktioniert. Den Computer schlossen sie ans Internet an. Fertig. Das Experiment hatte begonnen.

Mit einer versteckten Videokamera zeichnete Sugata Mitra damals die ersten Momente auf - ein beeindruckendes Dokument. Am unteren Bildrand läuft eine eingeblendete Uhr. Die Blechklappe, die den Bildschirm vor Regen schützt, wird hochgeklappt:

1. Minute: Ein etwa 12-jähriger Junge steht vor dem Bildschirm und fummelt am Joystick.

2. Minute: Er hat verstanden, wie er den Cursor steuern kann.

5. Minute: Durch Doppelklick öffnet er eine Datei.

8. Minute: Er ist im Internet.

"IN NUR ACHT MINUTEN HAT DIESER JUNGE 5000 JAHRE MENSCHHEITSGESCHICHTE ÜBERSPRUNGEN", sagt Sugata Mitra. Schon zwei Minuten später beginnt der Junge aus dem Slum, das Gelernte seinen Freunden beizubringen. Seit diesem Moment hängt vor dem Loch in der Wand eine Kindertraube. Sie hängt dort bis heute. Von Sonnenaufgang bis in die Nacht. Es sind immer nur Kinder. Erwachsene oder Jugendliche in der Pubertät interessieren sich nicht dafür.

Niemand hat den Slumkindern je erklärt, was ein Computer ist oder das Internet und was diese komischen Zeichen bedeuten. Den Cursor-Pfeil nennen sie "sui" - das Hindi-Wort für Nadel. Die meisten Kinder sprechen nur Hindi. Statt zur Schule gehen sie betteln. Sie können nicht lesen, schon gar keine lateinischen Schriftzeichen. Doch nur wenige Wochen, nachdem sich die Klappe zum ersten Mal öffnete, fanden sich die Kinder problemlos im weltweiten Netz zurecht. Seitdem laden sie sich Musikdateien von indischen Kinofilmen herunter, haben das Porträt einer indischen Schönheitskönigin als Bildschirmhintergrund installiert, spielen PC-Spiele bei Disney.com und zeichnen mit dem Malprogramm von Microsoft - wahrer Luxus für Kinder, deren Eltern sich weder Papier noch Stifte leisten können. Und von allen Kindern im Slum geht Satish Kumar am geschicktesten mit dem neuen Spielzeug um.

Hätte die reiche Softwarefirma den Nachbarn im Slum nicht besser eine Wasserleitung spendieren sollen oder regelmäßig eine warme Mahlzeit? "Vor allem Europäer stellen solche Fragen", sagt Sugata Mitra. "Von Indern habe ich solche Gedanken nie gehört." Weil Inder wissen, dass die unzähligen Hilfsprojekte die Leiden der Armen nur kurzfristig lindern. An der prinzipiellen Benachteiligung der ewigen Verlierer ändern sie nie etwas. Doch der Computer im Slum könnte etwas dagegen bewirken.

Ursprünglich wollte Mitra nur seine These bestätigen, wonach das Internet ein "Kindermedium" ist, dessen Gedankenwelt, diese Mischung aus Realität und Fantasie, dem kindlichen Denken sehr nah kommt. Darum, so Mitra, lernen Kinder völlig problemlos den Umgang damit, während ihre Eltern daran verzweifeln. Selbst Kinder ohne jede Vorbildung - wie die im Slum. "Aber als ich sah, was auf der anderen Seite der Wand geschieht, wurde mir bald klar: Das hat eine Bedeutung, die man kaum überschätzen kann." Ohne großen Aufwand sind die Slumkinder inzwischen keine Computer-Analphabeten mehr. Mit den richtigen Programmen könnte der PC den Kindern demnächst sogar Lesen und Schreiben beibringen. "Unsere Spezialisten arbeiten schon an einem Konzept", sagt Mitra.

DAS MILLIARDENVOLK INDIEN hat rund 380 Millionen Kinder im Schulalter - so viele Menschen, wie die EU Einwohner hat. Solche Massen zur Schule zu schicken, ist für Indien unbezahlbar. Sugata Mitra hat ausgerechnet, was es kosten würde, allen indischen Kindern, wenn schon keinen richtigen, dann wenigstens einen elektronischen Lehrer zur Verfügung zu stellen. In jedem Slum ein Computer, macht zusammen mindestens 100 000 Stück. Für Anschaffung und Unterhalt müsste man nach Mitras Schätzung in fünf Jahren etwa vier Milliarden Mark investieren. Viele Millionen indische Slumkinder könnte man auf diese Weise ausbilden. Der Analphabetismus - die größte Behinderung für sozialen Fortschritt in Indien - könnte erstmals in der Geschichte flächendeckend in einer gesamten Generation besiegt werden. Und diese Generation wird wiederum ihren Kindern Lesen und Schreiben beibringen. "Ein solches Programm würde einen unvorstellbaren, dauerhaften sozialen Wandel in Indien bedeuten", glaubt Mitra. "Und alles, was Indien verändert, verändert die ganze Welt."

Das hat inzwischen auch der Vorstandsvorsitzende von NIIT, Rajendra S. Pawar, verstanden. Pawar ist ein globaler Topmanager und Multimillionär. Er sieht die Welt aus der Perspektive von First-Class-Flügen zwischen Hongkong, London und San Francisco. Die großen Stars der Zukunftswirtschaft - er kennt sie alle. Jetzt steht Pawar am getönten Fenster seines vollklimatisierten Büros und schaut durch die Bäume hinunter auf den Kalkaji-Slum. "Meine Nachfolger und die Nachfolger von Sugata Mitra und auch die von Bill Gates, die kommen nicht aus unserem Unternehmen, nicht aus Europa und nicht aus Amerika. Die kommen von dort drüben, von der anderen Seite dieser Wand."

Vielleicht sind es Jungs wie der achtjährige Satish Kumar. "Satish, Satish", schallt es von der Wand. Programmabsturz. Da muss er ran. Selbstbewusst schiebt Satish eine Kuh und ein paar Kinder beiseite. "He, komm mal her", ruft er einem der Teetrinker zu. Auf der anderen Seite der Mauer steht der Computer, ein zweiter Bildschirm und eine Tastatur in einem Schuppen. Von früheren Abstürzen weiß Satish, wie man das Gerät wieder zum Laufen bringt. Der Slumjunge ruft dem Spezialisten über die Mauer ein paar Anweisungen zu. Kurz darauf läuft wieder alles.

"DER MACHT SACHEN. Mann, da brauchen wir oft Stunden, um herauszufinden, wie er das wieder hingekriegt hat", sagt Sugata Mitra. Zum Beispiel Schreiben ohne Tastatur. Die Freiluft-Terminals können nur mit dem Joystick und Klicktasten bedient werden, denn die wasserfallartigen Regenfälle Indiens würde kein handelsübliches Keyboard überstehen. Doch das reicht Satish, um seinen Namen zu schreiben - die einzige Buchstabenfolge, die er fehlerfrei hinkriegt. Wie er das macht? Von Internetseiten kopiert er einzelne Buchstaben und setzt damit auf dem Bildschirm seinen Namen zusammen. "Ich wusste gar nicht, dass das geht", sagt Sugata Mitra.

Derzeit lässt er eine witterungsbeständige Tastatur aus Edelstahl bauen. Wenn die erst installiert ist, werden die Kinder der Ärmsten vollwertige Mitglieder der weltweiten Internetgemeinde sein. "Irgendwann, da bin ich ganz sicher, werden sie nicht mehr nur Nutzer sein, sondern eigene Homepages ins Netz stellen und Anbieter werden", prophezeit Sugata Mitra.

Im vergangenen Jahr hat das Experiment "Loch in der Wand" ein wenig Karriere gemacht. Zuerst installierte Mitra Terminals in fünf anderen Armenvierteln, auf dem Land und in verschiedenen Städten. Immer ohne jede Erklärung und immer mit demselben Ergebnis. Die Behörden der Stadt New Delhi haben an einer Stelle gleich fünf Rechner nebeneinander aufgestellt. Zwei davon sind für Mädchen reserviert, damit sie nicht ständig von den Jungs weggeschubst werden. Mit dem Fünfer klappt die Nutzung noch besser. Wenn einer etwas herausgefunden hat, können es die am Computer nebenan sofort nachmachen. So lernen alle schneller.

Inzwischen wird das Experiment auch im Ausland beachtet. Das Londoner Institute for Social Inventions verlieh dem "Hole in the Wall" den Preis "Soziale Erfindung des Jahres". Kürzlich hatte Sugata Mitra sogar Besuch von James D. Wolfensohn, dem Präsidenten der Weltbank. Der war begeistert. Insgesamt 100 Terminals will die Weltbank in indischen Slums aufstellen. "Damit werden wir die Ergebnisse des Experiments auf eine breite Grundlage stellen können", sagt Sugata Mitra. "Wenn es hundertmal klappt, ist es bewiesen."

Sechs Uhr morgens. Satish und sein Cousin Sunil stehen an der Mauer. "Aufmachen", ruft Sunil. Wann zieht der Pförtner der Computerfirma endlich die Klappe hoch? Die Zeit drängt. "Ganz früh morgens ist es noch nicht so voll, da kann man in Ruhe was ausprobieren", nuschelt Satish. Er ist kaum zu verstehen, denn in seinem Mundwinkel steckt die rosa Familienzahnbürste. "Früher gab es das nicht", sagt seine Mutter. "Satish, früh aufstehen und auch noch Zähne putzen? Das war undenkbar. Seitdem er ständig an dieser Maschine hängt, hat er sich verändert."

An allen Computerstationen beobachten die Betreuer starke Veränderungen an den Kindern, die ausgiebig im Internet surfen. Äußerliche Veränderungen. Sie waschen sich öfter. Slumleben heißt zwangsläufig dreckig sein. Durch das Internet leben die Kinder jedoch stundenweise in einer Glitzerwelt. Satish geht nicht mehr ungekämmt aus dem Haus und trägt sogar ab und zu Krawatte. Sie gehört zu einer Schuluniform. "Die habe ich von einem älteren Jungen, der zur Schule geht und dem ich dafür am Computer etwas zeige." Sein erster Lohn als Internetunternehmer.

SATISH IST FÜR SEIN ALTER KLEIN gewachsen. "Früher haben mich immer alle rumgeschubst", sagt er. Jetzt nicht mehr. Satish ist der Chef auf der Elendsseite der Wand. Ein sozialer Aufstieg. Im Februar hatte er seinen größten Auftritt, diesmal auch vor den Erwachsenen. Als im Bundesstaat Gujarat die Erde bebte, zitterte der Boden bis ins 1000 Kilometer entfernte New Delhi. In den nächsten Tagen kursierten im Viertel vielerlei Gerüchte. Im Kalkaji-Slum haben viele Menschen Verwandte im Erdbebengebiet. Die wollten natürlich genau wissen, was passiert ist. Nur woher?

Als Sugata Mitra ein paar Tage nach dem Beben am Abend nach Hause ging, warf er wie immer noch einen Blick über die Mauer. Da sah er einige Dutzend Leute auf dem Boden sitzen im Halbkreis um den Computer. Satish am Joystick. Zielsicher surfte er zu den Nachrichtenseiten. Neben ihm stand ein Mann, der Englisch lesen konnte. Er trug den Zuhörern die Neuigkeiten aus dem Netz vor. Der erste wirkliche Nutzen des Internets für die Slumbewohner.

In der gegenwärtigen Versuchsphase lässt Mitra genau dokumentieren, welche Internetseiten aufgerufen werden. Seit einiger Zeit ist festzustellen, dass auch die Erwachsenen neue Möglichkeiten ausprobieren, wie der Computer ihnen das Leben erleichtern kann. "Bei der Station mit den fünf Geräten haben sich schon mehrfach Leute über Verhütung informiert", berichtet Mitra. Überhaupt gibt es für medizinische Beratung im Slum einen Markt. Dazu braucht man einen Übersetzer und ein Computer-Kid, das im Netz die richtigen Seiten findet. Ohne Tastatur müssen die Kinder den exakten Pfad im Gedächtnis behalten. Oft sind es über dreißig Stationen bis zum Ziel. Diesen Weg zu kennen ist ihr Kapital. Für ihre Dienste bekommen sie ein paar Rupien, die sie mit dem Übersetzer teilen. Der liest den Patienten schließlich vor, welche Therapie der elektronische Doktor vorschlägt.

Vier Milliarden Mark würde dieses Fortschrittsprogramm für indische Slums kosten. Doch so viel Geld können auch die großen Hilfsorganisationen nicht ohne weiteres aufbringen. "Ihr Europäer denkt immer gleich ans Spendensammeln", sagt Sugata Mitra. "Doch diese Menschen auszubilden ist keine soziale Hilfsaktion. Das ist eine wirtschaftliche Investition. Und die wird sich rechnen." Der Wert, der zurückfließen wird, ist hochbegabter Nachwuchs: Jungs wie Satish Kumar.

Der Rohstoff des Informationszeitalters ist Intelligenz. Die ist ebenso knapp wie einst Gold. Längst ist die Jagd nach den klügsten Köpfen im Gang. "In den Slums sind viele Talente verborgen. Man muss sie nur finden und fördern", sagt Sugata Mitra. Und genau das ist sein Traum: Microsoft, IBM oder Bertelsmann installieren ein paar tausend Computer in Slums. Fast automatisch würden sie auf diese Weise herausfinden, wer die herausragenden Talente, die Satishs sind. Und Satish ist hungrig nach Nahrung für den Magen und für den Kopf. Gierig saugt er alles auf, was er lernen kann. Würde ein Unternehmen Kinder wie ihn in speziellen Schulen fördern, gäbe es in wenigen Jahren junge, potenzielle Spitzenkräfte in der Mannschaft. Verglichen mit den Summen, die Firmen heute für Nachwuchskräfte ausgeben, wäre diese Investition ein Klacks.

UND AUCH DIE 95 PROZENT, die nicht zu den Auserwählten gehören, würden profitieren. Sie könnten Lesen lernen und Schreiben und mit dem Computer umzugehen. Zum ersten Mal würde das Leben etwas bieten, was ihnen seit Generationen vorenthalten wird: Chancen. "Ich bin hier als Skeptiker bekannt. Aber in dieser Sache bin ich Optimist", sagt Sugata Mitra und lächelt. "Klar, jetzt glauben nur wenige daran, dass große Konzerne darauf einsteigen werden. Aber ganz am Anfang hat kein einziger geglaubt, dass Slumkids sich selbst das Surfen im Internet beibringen. Und die Befürchtungen, die viele vorher hatten - alle unbegründet." Nur ein einziges Mal zum Beispiel klickten die Kinder auf eine Pornoseite - und sind gelangweilt weitergesurft. Keiner hat den Bildschirm zertrümmert oder die teuren Geräte geklaut und auf dem Schwarzmarkt verkauft. Nicht mal das kleinste Schräubchen wurde abgedreht. Satish achtet mit seinen Freunden sogar darauf, dass niemand in der Nähe des Computers an die Mauer pinkelt.

Quelle: Stern (Archiv) www.stern.de

 

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