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Erotik
in Indien
Bewahrung
der Tradition oder neue Freizügigkeit ?
Um
auf den Begriff der Erotik näher einzugehen, sollte
dieser zunächst inhaltlich verdeutlicht werden: Erotik
wird überwiegend als ein Oberbegriff für alle
geistigen und körperlichen Erscheinungsformen der Liebe
verwendet. Insbesondere wird es synonym zu Sexualität
gebraucht. Nicht immer ist die Abgrenzung gegenüber
dem Gefühlvollen, den seelisch-geistigen Bereich der
Liebe artikulierenden Liebesdichtung oder aber gegenüber
Pornographie eindeutig zu ziehen. Berühmte Beispiele
der erotischen Dichtung stammen aus Indien aus den nachchristlichen
Jahren ("Kamasutra") sowie aus dem Orient ("Tausendundeine
Nacht").
Immer
mehr wird Erotik in Sitten, Mode, Werbung und gar in Filmen
und in derMusikbranche als Ausdruck zwischenmenschlicher
Kommunikation verwendet.
Betrachten wir hierzu einige Beispiele:
Die
Erotik hat sich besonders in der Filmbranche Indiens in
Laufe der Zeit deutlich verändert und tendiert mehr
zum Stil der westlichen Zivilisation. Nicht nur in Europa
lebende indische Mädchen tragen gern Kleidung, die
möglichst hauteng und kurz ist, sondern auch in Indien
nimmt diese Freizügigkeit immer mehr zu und wird als
sexy, erotisch, verführerisch, anziehend und attraktiv
interpretiert.
Sowohl
die Filmgeschichte als auch antike Wandmalerei und Bauplastiken
in alten Höhlentempel zeigen, wie man auch mit indischer
Kleidung sexy wirken kann. Ein (nasser) Sari (Wickelgewand)
sitzt ebenfalls hauteng am Körper , betont die Figur
und wirkt einerseits sehr verführerisch, aber andernfalls
auch geheimnisvoll . Einem Bikini hingegen fehlt dieser
Reiz des Geheimnisvollen, da bereits alle Hüllen gefallen
sind!
Der optische Reiz liegt für mich nicht in der Kleidung
und deren Perfektion am Körper, sondern an der Ausstrahlung
der jeweiligen Person. Neben der Mode sind auch íntime
Filmszenen zum Trend geworden und passen sich der westlichen
Norm an, so dass auch der Umgang mit diesen alltäglichen zwischenmenschlichen
Szenen erleichtert wird.
Alte
Lieder, wie " Roop tera Mastana" oder neue Lieder
wie " Choli ke peecche" , die einen Superhit lieferten
und alle Altersgruppen durch die Musik und Texte anziehen,
sind ein Indiz dafür, dass Erotik in Indien seit Beginn
ein wesentliches Merkmal der Filmgeschichte und der Musikbranche
ist.
Selbst
in der Kunst der Vishnuismus findet man erotische Darstellungen.
Im 16-19 Jahrhundert
in den Nordindischen Zentren der Buchmalerei sind uralte
indische Symbole der erotischen Kunst wiederzufinden, die
in Szenen der mystischen Liebe zwischen der Hirtin Radha
und ihrem Geliebten , dem Gott "Krishna" aufgenommen
wird. Sogar in den Höhlentempel findet man Wandmalerei
der Liebespaare, welche im 5 Jahrhundert geschaffen worden
sind.
Mich
fasziniert es zu sehen, wie in Indien Erotik und Religion
auf eine raffinierte Art und Weise miteinander vereinigt
werden. Vor allem widmen Touristen ihre Aufmerksamkeit den
erotischen Darstellungen. Es erstaunt vor allem Angehörige
der westlichen Zivilisation , mit welcher Freimütigkeit
hier eine der Grundlegenden Themen menschlicher Existenz
behandelt wurde. Die erotischen Darstellungen sind Ausdruck
der Polarität zwischen dem männlichen und weiblichen
Geschlecht und ihrer ewigen Beteiligung am ewigen Kreislauf
von Werden und Vergehen. Auch die Götter sind diesem
Gesetz unterworfen - die geschlechtliche Vereinigung von
Shiva und Parvati ist Metapher für die Verschmelzung
von Himmel und Erde und die Schaffung eines neuen Weltzyklus.
In der Bhagvatgita (heiliges indisches Buch) heißt
es von Krishna: " Ich bin die Lust, die zeugt"
und an einer anderen Stelle "Prakriti ist die Mutterform
aller Formen, aller Wesen aus dem Schoss der Natur. Ich
der Vater, bin der Spender des Samens". Diese Schöpfungsgeschichte
der Welt mit dem Fruchtbarkeitskult in Verbindung zu bringen
, reicht weit in die vorvedische Zeit zurück. Bereits
in den altorientalischen Reichen stand die Fruchtbarkeit
im Zentrum der Religion.
Im
Shivaismus wurde sie später sogar zum dominaten Bestandteil
und die Darstellung von sich liebenden Paaren (Mithuna oder
Maithuna) zu einer wichtigen künstlerischen Ausdrucksform
. Im Laufe der Zeit gewann dieses Ritual vielseitige Bedeutungen,
die jedoch nicht ohne den anderen wichtigen Aspekt der indischen
Glaubensvorstellung zu verstehen ist: die Askese (streng
enthaltsame Lebensweise).Ein weiteres Relikt der altorientalischen
Fruchtbarkeitskulte ist die vorherrschende Rolle des weiblichen
Prinzips, das uns in vielfacher Weise begegnet.Als Shakti,
die dem Gott innewohnende weibliche schöpferische Energie
als sexuelle Begierde erzeugende "Kamini" , als
himmlische Nymphe "Apsara" , aber auch als asketische
"Yogini" .Durch ihre Schönheit, ihre ausgeprägten
Körperform und ihre herausfordernde Bewegungen betören
sie die Männer, spielen eine aktive Rolle zum Versuch,
die Asketen zu verführen und die Götter zum Schöpfungsakt
anzuregen. Wichtigste Gruppe der erotischen Darstellungen
sind die Paare.
Wie man an den einzelnen Beispiele sieht, hat Erotik, die
in Indien immer noch ein
Tabuthema ist, seit Anfang unserer Kulturgeschichte und
Religion Wurzel geschlagen. Die Toleranz in Bezug auf Mode,
Ausgehen, Partnerschaften, Freizügigkeit und gar Kastenwesen
und andere Lebenssituationen sind reformierter geworden,
jedoch sind aus einem bestimmten Scharmgefühlen und
Respekt der aufeinandertreffenden Generationen Gespräche
über Sex stets ein Tabuthema. Viele Elternpaare würden
das Reden über Sex mit den Kindern für unmoralisch
erklären. Da jedoch viele Elternpaare in ihrer Mentalität
gefangen sind , würden sie das Aufklären gar für
unwichtig erklären. Diese Haltung ist seit Generationen
unverändert geblieben. Betrachtet man
die zunehmende Aidsrate in Indien, so ist es mit Schrecken
und zugleich mit Bedauern festzustellen, dass die eigentliche
Ursache der Mangel an Aufklärung ist.
Wie
würde euer Verhalten aussehen ? Welches Fazit und welche
Konsequenz würdet ihr ziehen? Würde man als ein
"integrierter" Mensch offensiv handeln und die
alt ansässige indische "Moral" und "
Mentalität" revidieren ? Würdet ihr sichtlich
der genannten Beispiele die Moral als "falschen Respekt"
bezeichnen ? Ist man als Deutscher -Inder integriert genug,
um sich mit seinen Kindern über die Folgen einer Immunschwäche
wie AIDS zu unterhalten und sie entsprechend aufzuklären?
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