Ein
Wohlklang für die Seele
von Cornelia Fuchs
Blau ist
göttlich, Rot die Quelle der Schönheit. Nach indischer Tradition
dienen Farben dem Lob der Schöpfung und bringen dem Menschen Glück
und Gesundheit
Fluss des Lebens. So nennen die Inder den Farbenkosmos ihrer
Heimat. Ein Fluss in allen Regenbogenfarben, der im Land der
Maharadschas, der Märchenerzähler und der Magier wie nebenbei am
Auge des Betrachters vorüberzieht. Wer fragt, warum ein um den
Körper geschlungener Sari knall-orange, warum das Bindi, der Punkt
auf der Stirn verheirateter Frauen, dunkelrot, die Bemalung der
Hauswand leise-blau leuchtet, erntet Erstaunen: Schon immer sei dies
so gewesen.
Goethes Farbenlehre - zur Erklärung eines Sinns des indischen
Farbgebrauchs ist sie nicht anwendbar. Farben sind überall, weil
Farben schön sind. Ein Lobpreis der Schöpfung, der Götter. Farben
sollen helfen, Gefühle zu wecken, im Einklang mit den unendlichen
Möglichkeiten des menschlichen Geistes. Durch Gelb, Blau und Rot
feiert der Künstler den Moment des Wohlgefühls beim Betrachter, die
Freude am Reichtum des Spektrums. Wie die Musik sollen die Farben
die Seele zum Klingen bringen. Das Wort "Raga" bedeutet Melodie,
Gefühl - und Farbstoff.
Vor Jahrhunderten haben die Astrologen jedem Tag eine Farbe
zugeschrieben, und einige Inder folgen noch heute diesem bunten
Reigen. Sie tragen am Montag Silber für den Mond, am Dienstag Rot
für Mars und am Mittwoch Grün für Merkur, donnerstags Gelb zu Ehren
des Jupiter. Am Freitag wird der Venus mit Weiß gehuldigt, am
Samstag dem Saturn mit Dunkelblau und am Sonntag der Sonne mit
goldglänzender Seide. Überlagert wird dieser Brauch durch die
Farbsymbolik der Kasten, jener Gruppen, nach denen sich auch heute
die indische Gesellschaft definiert. Blau und Weiß sind reserviert
für die Priesterkaste der Brahmanen, Krieger tragen Rot und die
Unberührbaren Schwarz und Braun. Im nordindischen Bundesstaat
Rajasthan überwiegen rote Kleidungsstücke - die meisten Bewohner
rechnen sich zur Kaste der Krieger.
Indiens Farbenreichtum macht das Bunte für jeden erschwinglich.
Über 300 Färbepflanzen sind in Indien bekannt - und einige von ihnen
wurden in Europa teurer gehandelt als Gold. Albrecht Dürer murrte
über den Preis des Ultramarins, dieses tiefen Blautons für das
Gewand der Gottesmutter Maria, gemahlen aus dem Halbedelstein
Lapislazuli. Für eine Unze Ultramarin bezahlte er mit Kunstdrucken
im Wert von zwölf Dukaten - 42 Gramm Gold für 30 Gramm himmlischen
Blaus. In Indien dagegen wurden Dächer ganzer Stadtteile mit
Lapislazuli gedeckt. Indigo, das indische Blau, spenden 300
Pflanzenarten im heiß-feuchten Klima. In Europa versprach die
ergiebigste, die "Indigofera tinctoria", einen so hohen Gewinn, dass
portugiesische Kaufleute auf den Spuren Vasco da Gamas sie schon mit
ihren ersten Schiffsladungen im 16. Jahrhundert nach Hause brachten.
Gibt es eine bessere Farbe als Blau? Wählte sich nicht auch das
Himmelsgewölbe blaue Seide zur Hülle? Wer blau ist wie der Himmel,
bei dem sitzt die Sonne zu Gast, schrieb der persische Dichter
Nizami im 12. Jahrhundert.
In Indien gilt die himmlische Farbe als Herz des schöpferischen
Weltprinzips. Sie ist Glücksbringer, die Reinheit an sich, der
Zustand der Materie am Anfang der Welt. Viele Buddha-Darstellungen
haben einen blauen Hintergrund für Vairocana, den
"All-Durchstrahlenden". Das erste Licht, das den Verstorbenen auf
dem Weg zur Wiedergeburt erwartet, strahlt tiefblau, wie das
Tibetische Totenbuch lehrt. Wer in die Nähe des Himmels möchte, der
holt das Blau zu sich: Die Stadt Jodhpur in Rajasthan hat eine blau
gestrichene Altstadt, Sitz der Priesterkaste. Moskitos soll die
Farbe auch noch abhalten.
Die höchsten Götter im Hinduismus leuchten blau. Da ist Shiva,
der Gott mit den 1008 Namen, Zerstörer und Erbauer. Einer seiner
Namen ist der Blaukehlige, Nilakantha. Als Götter und Dämonen das
kosmische Urmeer aufwühlten auf der Suche nach dem Lebenselixier,
kam ein schreckliches Gift aus der Tiefe. Shiva trank den Sud, hielt
ihn in seiner Kehle fest, die sich blauschwarz färbte, und bewahrte
damit die Welt.
Ganz blauhäutig wird Krishna dargestellt, die Inkarnation des
Herrschers über das Universum, geschaffen aus dessen schwarzem
Haar. Mit gelbem Lendenschurz verführt Krishna gerne die Frauen -
die Komplementärfarben Blau und Gelb als Lockmittel nutzend.
Von Gelb kommt Fröhlichkeit und auch der Geschmack des mit Safran
bereiteten Halwa. Crocus sativus, das göttliche Safran, gilt als
der König der Pflanzen. Es färbt den Reis zu hohen Festen, wo das
teure Gewürz freigebig verteilt wird. 80 000 der zart-lila Blüten
enthalten ein Kilo braunrote Narben, denen mit Wasser der Farbstoff
Crocin entzogen werden kann. Ebenso geschätzt als Heilmittel, gilt
der Safran als heilig, sein Gelb, Orange, Rot als Farbe für die
Sadhus, die indischen Asketen. Geru, Gelb, ist die Farbe der Erde,
sie lehrt Demut. Und Orange ist die Hautfarbe der Götter und somit
die Farbe der Mönchskleider. Sie steht für Mut und
Opferbereitschaft. Dieses Rufs bedienen sich gerne die Politiker:
Die Anhänger der rechtsgerichteten Hindu-Partei BJP schwenken
safrangelbe Flaggen, sie haben den Begriff "Safranisieren"
geprägt. Der wiederum hat nicht mehr viel mit dem Unterton der
"Entsagung" zu tun, den die Farbe eigentlich trägt, mehr
schon mit Fraternisieren - oder einfach Klüngel.
Ocker aus der Erde Indiens ist das einfachste Färbemittel. Von
hellem Gelb bis zum tiefsten Rot schmückt er die Hauswände der
Dörfer, als gebrannter Ton färbt er die Teetassen und Wasserkrüge
der Straßenhändler. Tiefrot wird er mit den Händen an Türen und
Wände gedrückt - gegen den bösen Blick.
Rot, sagt der Dichter Nizami, ist auch die Seele des Lebens, und von
ihr hat das Blut Farbe und Feinheit, wodurch denn Rot aller
Schönheit Quelle ist.
AUS ROTER ERDE ist er geschaffen, der Mensch, auf Hindi trägt er
den Namen "admi" oder auch "adam", Anklang an
das babylonische "damu", das Blut. Fruchtbarkeit verheißt
das Rot und erinnert an die Menst-ruation der göttlichen Mutter. So
ist das indische Hochzeitskleid nicht weiß, sondern rot, die
Hennabemalungen auf Händen und Füßen leuchten korallfarben.
Für Inder ist das Rot ein Glücksbringer. "Lal" heißt es
auch, damit wird sonst das Liebste gerufen, ein Kind beispielsweise
oder die Geliebte. Lal gibt es in überbordender Vielfalt im
Getümmel indischer Städte: Gepäckträger an Bahnhöfen, die
Spuren der ausgespuckten Betelnusspaste an Wänden und auf
Fußböden, die herausgestreckte Zunge der schwarzen Göttin Kali,
die Gewänder der Tantriker, die hennaroten Bärte der Asketen, die
Eingänge der Tempel für den Affengott Hanuman und das zinnoberrote
Pulver, das sich Hindufrauen als Zeichen ihres Ehestandes über den Scheitel
streichen.
Die Inder waren schon früh für ihre überlegene rote Färbetechnik
bekannt, erhaltene Stoffreste datieren zurück bis ins zweite
Jahrtausend vor Christus. Engländer und Holländer stritten sich im
17. Jahrhundert um die Häfen für den Export der indischen Stoffe von
unvergleichlichem Krapprot. Goethe schrieb, nur Naturmenschen, rohe
Völker und Kinder hätten große Neigung zur Farbe in ihrer höchsten
Energie. Besonders zum Gelbroten, betonte er: "Gebildete Menschen
haben einige Abneigung vor Farben." Und dies beruhe auf
"Unsicherheit des Geschmacks, der sich gern in das völlige Nichts
flüchtet" - also in Weiß und Schwarz.
In Indien ist Weiß die Farbe der Trauer - und Schwarz die des
Chaos. Zu wenig und zu viel Farbe. Nichts, was man am Leibe tragen
wollte. Farben sollen die Seele erklingen lassen. Und sind daher
überall, vor allem zu Holi, dem Frühlingsfest mit seinen
Farbpulver-Orgien. Jeder, der sich auf die Straße traut, wird
rot-lila-blau übersprüht. Quelle:
Stern (Archiv) www.stern.de
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