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Der Tycoon, das Modell und die Rüsseltiere
In Bombay, heute offiziell Mumbai genannt, zeigt sich das neue Gesicht Indiens. In der Wirtschaftsmetropole, in der Stadt des Geldes und der Traumfabrik Bollywood vermischen sich westlicher Lifestyle und indische Tradition.
Draussen vor dem Mumbai International Airport wimmelte es von Gestalten, vor denen mich alle gewarnt hatten: aufdringliche junge Männer, die rufend und schreiend mit spindeldürrren Armen über die Koffer und Taschen der Ankömmlinge herfallen und diesen Geld zu entlocken versuchen, wenn sie das Gepäck die paar Meter vom Ausgang bis zum Taxi tragen. Ich umklammerte mein Köfferchen noch etwas fester, bahnte mir einen Weg durch die Menge und flüchtete schnurstracks in die Obhut jenes schnauzbärtigen Mannes, der ein Täfelchen mit meinem Namen in die Höhe reckte.
Der Mann sagte, er sei von Sam geschickt worden, und da wusste ich: auf Sam ist Verlass.
Sams Fahrer trug eine schneeweisse Uniform mit schwarz-goldenen Schulterpatten und unterschied sich damit deutlich von seinen Kollegen in den schwarzen Polyesterhosen, die "Taxi! Taxi!" riefen. Er chauffierte auch nicht eine Fiat-Rumpelkiste wie alle andern, sondern einen vornehmen Opel, in dem es nach Mottenkugeln roch.
Als wir losfuhren, war Mitternacht längst vorbei, aber auf der Strasse herrschte noch immer Rushhour. Wir drängelten uns zwischen schwarz-gelbe Fiat-Taxis im Design der fünfziger Jahre, knatternde Motorräder, Dreirad-Rikschas, Rauchschwaden speiende Lastwagen. Am Strassenrand dampften Garküchen. Menschen sassen unter farbigen Lichtgirlanden, andere hatten sich unter freiem Himmel zum Schlafen zusammengerollt. In einer Seitenstrasse sah ich ein Fuhrwerk, auf dem eine dickbauchige Statue mit Elefantenkopf thronte, davor Frauen in bunten Tüchern und Männer mit nackten Oberkörpern, die zu Trommelschlägen tanzten.
Je näher wir dem Zentrum kamen, desto grösser und zahlreicher wurden die Reklametafeln, die über schemenhafte Häuser und Hütten ragten. KIT KAT, HAVE A BREAK, CITYBANK, TATA TEA. Nach gut einer Stunde bogen wir auf den Marine Drive ein, der sich im weiten Bogen ans Ufer des Arabischen Meers schmiegt. Der Mottenkugeln-Opel stoppte vor dem Oberoi-Towers-Hotel, Portiers mit schwarzen Turbanen eilten herbei und spedierten mich wieder in eine andere Welt: in die Welt des westlichen Luxus mit Spannteppichen, Health Club und Marmorbad. Am Fernsehen lief CNBC, und als ich von meinem Zimmer im 33. Stock auf die beleuchtete Skyline der Geschäftsviertel von Bombay blickte, erinnerte nichts mehr daran, dass ich in Indien war.
Sam, der eigentlich Shyamsunder heisst, ist ein Bekannter eines Bekannten und ist so freundlich, mich bei meinen Erkundungen in der indischen 15-Millionen-Metropole - The City of Paradox, wie er sagt - zu unterstützen. Er stammt aus Mumbai, das für ihn, wie für jeden echten Bombaywalla, auch nach der offiziellen Umbenennung vor einigen Jahren noch immer Bombay heisst. Er hat an der Eliteschule Bocconi in Mailand studiert und arbeitet seit einigen Jahren als Treuhänder und Finanzberater.
Sam ist Mitte dreissig, ein jovialer Typ, der immer guter Laune ist. Seinen Gemütszustand wie auch den Gang seiner Geschäfte bezeichnet er als "excellent" und seine Arbeit als "One-Man-Show", was immer das auch heissen mag. Seine Kunden, verrät er immerhin, sind kleinere und mittlere Unternehmen, die in Indien investieren oder auf dem indischen Milliardenmarkt ihre Produkte verkaufen möchten. Kein einfaches Unterfangen, wie Sam zugibt. Denn das Potential dieses Marktes sei zwar enorm, doch habe er halt seine ganz eigenen Gesetze. "Man braucht Bewilligungen, muss sich mit der Bürokratie herumschlagen, man muss die Kultur kennen, und vor allem muss man aufpassen, mit wem man sich einlässt."
Sam ist in seinem klapprigen indischen Maruti zum Hotel gekommen (der BMW, sagt er lachend, sei gerade in Reparatur) und schlägt vor, dass wir zuerst ein bisschen die Stadt besichtigen und anschliessend im Jachtclub, wo er Mitglied sei, den Lunch einnehmen.
Bevor wir in den Wagen steigen, verscheucht er routiniert zwei kleine Mädchen in staubigen Lumpen, die um ein paar Rupien betteln. Dann tuckern wir vom Geschäftsviertel zum Victoria Terminal mit den weissen Kuppeln, Bombays grösstem Bahnhof, der jeden Tag drei Millionen Menschen aus den Vororten ins Geschäftszentrum pumpt. Über schier unendliche 660 Quadratkilometer erstreckt sich der fiebrige Moloch dem Arabischen Meer entlang, eine amorphe Ansammlung von Quartieren, Slums und Vorstädten. Über den Marine Drive fahren wir weiter nach Süden, vorbei an Hütten, vor denen Frauen mit geölten Haaren in Regenpfützen Kleider waschen, vorbei an der Börse und am Prince of Wales Museum zum Gateway of India, dem Wahrzeichen der Stadt: einem reich verzierten basaltbraunen Torbogen, 1924 fertiggestellt aus Anlass des Besuchs von King George V.
Das repräsentative Gebäude des Jachtclubs liegt gleich hinter dem Gateway of India und ist ebenfalls ein Relikt aus der britischen Kolonialzeit. Wer hier hineinwill, muss an der Eingangspforte seinen Mitgliederausweis vorweisen, sich in ein ledergebundenes Buch eintragen; dann wird er für den Apéritif in den Salon mit schweren Clubsesseln geführt. Durch die hohen, weit geöffneten Fenster schweift der Blick hinaus auf den Palmengarten. Statt des Tosens der Grossstadt ist hier nur das Pfeifen von Vögeln zu hören. An der Decke beschreiben Ventilatoren gemächlich ihre Kreise. Sam klingelt mit dem ziselierten Messingglöckchen auf dem Tischchen und lässt sich vom livrierten Kellner zwei Gläser Kokosnussmilch bringen.
Sam schätzt die postkoloniale Atmosphäre des Clubs, aber auch die Möglichkeit, die clubeigenen Segeljachten zu benützen. In diesem Club sei man unter seinesgleichen, und das sei natürlich auch dem Business zuträglich. Denn in Indien, sagt er, sei eine Geschäftsbeziehung immer auch eine persönliche Beziehung.
Was damit unter anderem gemeint ist, zeigt sich bald. Auf unserer Tour durch die bessere Gesellschaft von Bombay führt mich Sam als Erstes zur Modedesignerin Radhika Naik, die er selber gerne wieder einmal besuchen möchte. Die attraktive junge Frau - weiss gepudertes Gesicht, kastanienbraune Haare, gewagter Minirock - hat sich auf aufwendige Haute Couture spezialisiert und betreibt, was für ein Zufall, ganz in der Nähe des Jachtclubs eine Boutique. Zu ihren Kunden gehören reiche Inder aus Hongkong und London, die mit Millionen um sich werfen können und dies auch gerne tun, vor allem wenn es eine Hochzeit zu zelebrieren gilt.
Die meisten dieser Hochzeiten, erzählt die Designerin, würden auch heute noch immer von den Familien arrangiert, jedenfalls redeten die Eltern bei der Partnersuche ein gewichtiges Wort mit. In den besseren Kreisen, sagt Radhika, würden Hochzeiten mit Vorliebe als Mega-Anlässe inszeniert. 3000, 5000 oder gar 15 000 geladene Gäste seien keine Seltenheit. Die Zeremonien dauerten mehrere Tage und seien in genau umschriebene Functions - Verlobung, Receptions, Party, Trauung und wieder Party - gegliedert, bei denen sich die Brautpaare in immer wieder neuen Gewändern präsentierten.

Wer sich bei Radhika Naik eine Hochzeitsgarderobe schneidern lässt, muss damit rechnen, dass jedes einzelne Kleid bis zu 10 000 Dollar kostet. Dafür wird bei einer solchen Robe nicht an Tüll und Bordüren, Pailletten und Swarovski-Kristallen gespart. Bis zu fünfzehn Kilo schwer kann ein solches Prunkstück werden, das zu tragen für keine Braut eine leichte Bürde ist.
Am nächsten Tag ist Sam mit einem Kunden beschäftigt, der auf Diskretion Wert legt, und so bin zum ersten Mal alleine unterwegs. Ich kaufe unten beim Jachtclub einen Pashmina-Schal, für den ich viermal zu viel bezahle, schnuppere in Garküchen herum und wage es schliesslich doch nicht, eines dieser in Blechnäpfen servierten und nach Koriander, Gelbwurz und Curry duftenden Gerichte zu
versuchen.
Am Nachmittag habe ich einen Termin bei der Reliance Group, die mit einem Umsatz von 12 Milliarden Dollar zu den grössten Industriekonglomeraten des Landes zählt. Eigentlich möchte ich mit Vater oder Sohn Ambani sprechen, einem Mitglied des Familienclans, der die Gruppe kontrolliert; auch nach mehreren Telefonanrufen bin ich aber erst bis zu einem Mann namens Desai gelangt, der mich bittet, mein Anliegen bei ihm persönlich vorzubringen, und zwar am Geschäftssitz, Chamber IV, fünfter Stock.
Chamber IV ist ein gesichtsloses Hochhaus, das verschiedene Büros beherbergt, darunter auch das Schweizer Konsulat. Ein Liftboy bringt mich in den fünften Stock, wo mich eine Empfangsdame in den vierten Stock hinunterschickt, wo mich eine ebensolche wieder in den fünften zurückspediert. Dort werde ich schliesslich in ein Zimmer mit zwei speckigen Sofas gewiesen.
Yogesh Desai ist innerhalb des Unternehmens President for Corporate Development. Er hat einen weissen, strähnigen Spitzbart und scheint die Gelassenheit in Person zu sein. Er lässt sich Tee bringen, mustert mich durch eine grosse Hornbrille und beginnt von der Schweiz zu erzählen. Desai kennt Zürich, und vor allem kennt er Baden und Oerlikon. Während 14 Jahren, sagt er, habe er für ABB gearbeitet, seit 7 Jahren ist er nun bei der Reliance Group. "Die beste Firma Indiens", wie er behauptet. "Wir sind weltweit der grösste Hersteller von schwarzem Polyester. Reliance Petroleum ist das profitabelste Unternehmen Indiens, Reliance Industries grösster Exporteur indischer Güter."
Desai ist 58 Jahre alt und bezeichnet sich als Mitglied der oberen Mittelklasse. Er besitzt ein Haus an guter Lage und zwei Autos, er beschäftigt drei Bedienstete: einen Fahrer, ein Hausmädchen und eine Köchin. Das sei ganz normal in seinen Kreisen. "Wer einen guten Job hat, dem geht es besser denn je." Er erzählt, wie er 1961, als seine erste Tochter geboren wurde, den ersten Kühlschrank kaufte. Vom bescheidenen Leben, als man mit einer Hose, einem Paar Schuhe und einem Paar Sandalen zufrieden war. "Heute leiste ich mir Nike-Turnschuhe, auch wenn sie 1700 Rupien kosten."
Desai sagt, dass seit der Liberalisierung des Wirtschaftssystems vor zehn Jahren eine Mittelklasse entstanden sei, wie es sie vorher in Indien nie gegeben habe. Leute, die anständig verdienen und ihr Geld für Konsumgüter ausgeben. "Ab 10 000 Rupien im Monat", sagt er, "kannst du in Indien ein gutes Leben haben." Und was verdient sein Chauffeur? "4000 Rupien." Das sind weniger als 200 Franken.
Desai räumt ein, dass seit der Liberalisierung nicht nur die Löhne, sondern auch die Lebenskosten gestiegen sind. Insbesondere die Wohnungspreise, die, angeheizt von der Spekulation, Mitte der neunziger Jahre rasant in die Höhe schossen und sich mittlerweile auf tieferem Niveau eingependelt haben. Gewisse Konsumgüter seien aber auch wesentlich billiger geworden. So kostete ein Farbfernseher aus staatlichen Betrieben früher 25 000 Rupien. Heute weniger als die Hälfte, und dies bei besserer Qualität. "Die Liberalisierung hat bewirkt, dass sich Indien vom Verkäufermarkt zum Käufermarkt gewandelt hat. Das ist die wohl wichtigste Änderung in den letzten zehn Jahren."
Eigentlich, sagt Desai zum Schluss, habe er mir nun bereits fast alles gesagt. Wenn ich trotzdem noch an einem Interview mit dem Chairman interessiert sei, so solle ich doch bitte meine Fragen faxen.
Als ich Chamber IV verlasse, steht vor dem Gebäude ein crèmefarbener Cadillac. Dhirubhai Ambani, der betagte Gründer der Firma, entsteigt dem Auto, begleitet von einem halben Dutzend Sicherheitsleuten. Der alte Herr ist nicht mehr gut zu Fuss. Er besteigt eine kleine Plattform, einen Lift, der ihn langsam in die Höhe schraubt, über die acht Treppenstufen vom Vorplatz zur Eingangshalle.
Bombay ist die Wirtschaftslokomotive Indiens. 300 Grossfirmen haben hier ihren Sitz und 450 000 kleinere Betriebe, die 17 Prozent des Bruttosozialprodukts von Indien erwirtschaften. Bombay nährt die indische Staatskasse mit 40 Prozent des gesamten Steueraufkommens. Bombay ist aber auch die Stadt des ShowBiz und der Vergnügungsindustrie, die Stadt, in der die Trends gesetzt werden, die Stadt des modernen indischen Lifestyle.
Was dabei Sache ist, sagt die "Bombay Times", die lokale Beilage der "Times of India". Das moderne, mit grossen Farbbildern aufgemachte Blatt berichtet über die neusten Liebschaften von Filmstars und spekuliert über mögliche Schwangerschaften von Schauspielerinnen; es stellt die angesagten Clubs, Boutiquen, Restaurants und Fitnesscenter vor, es rückt die verrücktesten Parties ins Bild.
Ayaz Memon ist Redaktionsleiter der "Bombay Times", ein schnauzbärtiger Mann in den Vierzigern mit dunklen Schatten unter den Augen. Wir treffen uns im "Indigo", einem Szenerestaurant, das Memon ohnehin besuchen will, da eine Cognacfirma einen Abend mit Soul- und Bluesmusik sponsert, zu dem ihn der Besitzer des Lokals, ein bekannter Gastrounternehmer, eingeladen hat. Das "Indigo" ist nach der Art der In-Lokale in New York, San Francisco oder Zürich gestylt: ein nüchternes Lokal mit zeitgenössischer indischer Kunst an den Wänden, Kerzenlicht auf den Tischen, einer Bar, einer Zigarrenlounge. Aus der Küche gibt es einen internationalen Mix von Spezialitäten aus aller Welt und aus dem Weinkeller einen Cheval blanc 1993 zu 1000 Dollar das Fläschchen.
"Was sich in diesem Lokal versammelt, sind die Symbole der globalisierten Welt", sagt Memon. "Wein, Zigarren, Single Malt Whisky, die Accessoires der gehobenen internationalen Lebensart haben auch Indien erreicht. Konsum ist die neue Religion und das Kabelfernsehen mit MTV, Star-TV und V-TV der neue Guru." Das introvertierte Indien, auf das Kollektiv bedacht und spirituellen Werten verpflichtet, werde mehr und mehr von einem globalen Lebensstil verdrängt. "Die junge Generation lebt im Hier und Jetzt, sie huldigt dem Individualismus."
Memon selber möchte die neue Freiheit nicht mehr missen; als Journalist schätzt er nicht zuletzt, dass er heute weniger am Gängelband der Politiker geführt wird. Er sieht aber auch Gefahren: Das soziale Gefälle sei noch schroffer geworden. Und mehr Wettbewerb bedeute auch mehr Unsicherheit. "Früher hatte man in Indien einen Job fürs Leben. Das ist vorbei, und entsprechend gross ist die Angst, gerade jetzt, da der IT-Boom, der schnelles Geld versprach, ganz plötzlich zu Ende ist."
Am Nebentisch sitzen zwei Mädchen, die eine eine violette Gucci-Brille im Haar, die andere trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift "So many men - so few that can afford me". Menon bestellt einen doppelten Glenfiddich und beginnt ein bisschen mit den beiden Mädchen zu schäkern. Schon bald flicht er ein, dass er Chef der "Bombay Times" sei, und darauf lässt ihm die Gucci-Brille keine Ruhe mehr. Sie habe nächste Woche Geburtstag und gebe eine grosse Party, sagt sie. "Könnten Sie da nicht etwas darüber auf Seite drei machen? Das wäre für mich das grösste Geschenk."
Solche Anfragen, sagt Menon, erhalte er beinahe täglich. "Die Leute sind verrückt. Trotz seinen 15 Millionen ist Bombay irgendwie doch wie ein Dorf."
Shobhaa De kennt jeder in Bombay. Früher war sie Fotomodell, heute schreibt sie Sachbücher mit Titeln wie "Surviving Men" und Kolumnen in der "Sunday Times" und im "Indian Express". Sie ist zum zweiten Mal verheiratet, was in Indien bereits da und dort für Stirnrunzeln sorgt und an ihrer Seriosität zweifeln lässt; einige sagen, sie sei "a real honeytrap", andere bezeichnen sie als die Joan Collins Indiens.
Die Autorin residiert in einem mit indischen Teppichen und antiken Holzschnitzereien in einen kleinen Maharadschapalast verwandelten Appartement in der Nähe des World Trade Center von Bombay. Ein Hausmädchen empfängt den Besucher, und wie immer ist sofort ein Kännchen mit süssem Schwarztee und Milch zur Stelle.
Shobhaa De ist Mutter von sechs Kindern, der älteste Sohn ist 28, und sie selber sieht noch immer aus wie 35. Kokett bemerkt sie, dass sie leider keine Zeit gehabt habe, Make-up aufzutragen, wirft sich dann aber aufs Satinsofa, spielt mit den Fingern in ihren langen schwarzen Haaren.
Frau De, was unterscheidet Bombay von den andern Städten Indiens?
"Bombay ist wie New York. Hier in Bombay fragt dich keiner: Wer bist du? Es spielt keine Rolle, zu welcher Kaste du gehörst, aus welcher Familie du kommst und wen du kennst. Hier wird nur gefragt: Was kannst du? Bombay ist eine Win-Win-City. Natürlich nicht für alle. Aber für ein paar wenige gehen hier Träume in Erfüllung."
Was für Träume?
"Der Traum von Freiheit zum Beispiel. Gerade Frauen geniessen in Bombay Freiheiten wie nirgendwo sonst in Indien. Ich konnte immer das tun, was ich wollte. Ich betrachte mich als emanzipiert, aber anders als amerikanische oder europäische Feministinnen. Die indische Frau hat weiblichen Charme und gleichzeitig ein Selbstbewusstsein und einen Selbstbehauptungswillen, den man nur in diesem Land entwickeln kann."
Was hat sich in Bombay in den letzten Jahren verändert?
"Das Klima ist rauer geworden. Die Mobsters haben die Macht übernommen. Was zählt, ist nur noch das Geld. Wie man zu diesem Geld kommt, ist nicht so wichtig, aber wenn du Geld hast, ist die Party nie zu Ende. Wer Geld hat, ist ein Held in dieser Stadt. Das mag zynisch klingen - aber that's Bombay."
Shobhaa De nimmt kein Blatt vor den Mund; "Politically Incorrect" heisst ihre Kolumne in der "Sunday Times", in der sie als Kassandra mit Vorliebe den Egoismus und die Doppelmoral der indischen High Society aufs Korn nimmt. Dennoch ist sie an den Parties der High Society, die sie auf ein paar hundert Leute beziffert, ein gern gesehener Gast. Mittlerweile gehört sie zwar zur sogenannten Dom-Pérignon-Fraktion der Älteren, derweil sich ihre Kinder in der Bacardi-Fraktion vergnügen. So gross seien die Unterschiede allerdings nicht. Man treffe mehr oder weniger immer dieselben Leute. "Aber dies ist nicht der einzige Grund, weshalb vor allem ältere Männer mit allen Mitteln bei der Bacardi-Fraktion Anschluss suchen."
Yogesh Desai meldet, er habe die Fragen erhalten und an den Chairman weitergereicht, der bitte jedoch um etwas Geduld. Sam wiederum bemüht sich um eine Filmschauspielerin, aber die "gute Bekannte" will einfach nicht zurückrufen. Da die Zeit langsam knapp wird, beschliessen wir, trotzdem nach Film City zu fahren, eine zweistündige Reise vom Süden in den Norden der Stadt.
Ein schwerer Regen ist am Morgen über der Stadt niedergegangen, die Strassen dampfen. 32 Grad bei 99 Prozent Luftfeuchtigkeit! Sam hat alle Fenster heruntergekurbelt und lacht: "Natural air condition." Wenn wir vor einem Lichtsignal warten, eilen Bettler herbei und strecken ihre Hand herein, dürre Hände, von Ekzemen, von Lepra befallen.
Die Fahrt führt vorbei an modrigen Häusern, vorbei an Slums und Wohnsilos. Je näher wir Film City kommen, desto grösser werden die Werbeplakate für neue Filme: üppige Gemälde von schmachtenden Schönheiten, finsteren Bösewichten und edlen Märchenprinzen. 230 Filme, mehr als in Hollywood, werden jedes Jahr in Bollywood produziert, und wie man inzwischen weiss: Nicht selten gehört zu den Drehorten auch die Schweiz - die Altstadt von Olten, Bern oder Schönried im Saanenland.
Sam hält nicht viel von den Bollywood-Filmen. Das Handlungsmuster - Liebe, Familie, Verrat, Rache und Sühne - sei ewiggleich. Und die Ideologie vielfach repressiv: Junges Mädchen will einen nicht von den Eltern ausgewählten Mann ehelichen, reisst aus, gerät in schlechte Gesellschaft, verliebt sich in einen Mann, träumt, sie müsse nach Hause zurückkehren und tun, wie von den Eltern gewünscht - und siehe da: Der von den Eltern Auserwählte ist jener Mann, den sie liebt!
Wir fahren am Firmensitz von Novartis vorbei, biegen in eine lange Allee ein, passieren eine Polizeikontrolle und fahren auf einen Hügel hinauf, vorbei an Büffelställen. Dann sind wir in Film City, in der indischen Traumfabrik, die in Tat und Wahrheit vornehmlich aus ein paar grauen Betonklötzen besteht; ein knappes Dutzend Aufnahmestudios auf grüner Wiese.
Auf dem Gelände wimmelt es von Schaulustigen, die in Gruppen gekommen sind, um einen Filmstar für einmal leibhaftig zu erblicken. Vor einem Studio mit einer improvisierten Loggia, über die Schauspielerinnen huschen und in Türen verschwinden, die mit "Make-up" überschrieben sind, steht eine rufende und johlende Menge. Wie fragen, was denn hier los sei, und einer sagt bloss: Kaun Banga Crorepati. Was zu deutsch so viel heisst wie: Wer wird Millionär?
Wer sich zu nahe an das Studio heranwagt, wird von zivilen Sicherheitsleuten barsch zurückgewiesen, und ein Presseausweis zeigt keine Wirkung. Aber Sam weiss sich zu helfen. Er kennt den Aufnahmeleiter und lässt ihm durch einen Boten ein Kärtchen bringen, worauf sich alle Türen öffnen.
Das Studio, das Scheinwerferlicht und die Musik sind dieselben wie in allen 70 Ländern dieser Welt, wo diese Spielshow produziert wird. Für etwas Lokalkolorit sorgt allein das Publikum: Die Frauen tragen allesamt farbige Saris, die meisten Männer dunkle Anzüge und Krawatte. Staffage für eine Fernsehshow zu sein, ist in Indien Ehrensache, eine festliche Angelegenheit.
Für jede Sendung, sagt der Aufnahmeleiter, meldeten sich 150 000 Interessenten, und die Einschaltquoten seien phänomenal. Drei Kandidaten hätten es bisher geschafft, die zehn Millionen Rupien zu gewinnen.
Die Gameshow, die an diesem Abend abgedreht wird, ist eine besondere. Denn Kandidaten sind für einmal nicht Leute aus dem gemeinen Volk, sondern zwei Schauspielerinnen einer Soap-Opera, die ihren Gewinn für einen guten Zweck spenden sollen. Sie sitzen mit der TV-Serie-Familie im Publikum und warten auf den Präsentator Amitabh Bachchan.
Bachchan, sagt Sam, sei in Indien ein echter Superstar, eine Art Halbgott. Das zeigt sich beispielsweise darin, dass er das Publikum zunächst einmal über eine Stunde warten lässt. Als er endlich erscheint, hat er noch immer keine Eile. Er lässt sich noch einmal die Wangen pudern, den grauen, akkurat gestutzten Spitzbart kämmen, dann das pechschwarze Haupthaar, das verdächtig an eine Perücke erinnert.
Bachan ist ein Routinier. Er bleckt seine blendend weissen Zähne, lächelt in den Teleprompter und verwickelt die Kandidatinnen in ein lockeres Gespräch. Erste Frage: Welche Taste findet man eher nicht auf einer Fernsehfernbedienung: Volume, Channel, Pause, On? Zweite Frage: Was ist ein Bernhardiner: eine Katze, ein Hund, ein Pferd oder ein Wolf? Die beiden Schauspielerinnen sind nicht ganz auf den Kopf gefallen und gewinnen 350 000 Rupien.
Einmal im Rampenlicht stehen: Auch Naskhatra Reddy kennt dieses erhebende Gefühl. Vor zwei Jahren war sie zusammen mit ihrer Tochter Meghna auf dem Cover des "National Geographic"; die Mutter verhüllt in traditioneller Kleidung und schwarz-goldener Stola, die Tochter in einem hautengen PVC-Anzug, den Reissverschluss knapp über den Bauchnabel gezurrt.
Mutter Reddy hat sich gleich ein paar Dutzend Exemplare dieses Sonderhefts zum Thema "Global Culture" erstanden und überreicht mir als Erstes ein Exemplar mit persönlicher Widmung. Meghna, ein stadtbekanntes Fotomodell, ist noch an der Premiere eines Films, in dem sie eine kleine Rolle gespielt hat. Aber sie werde schon kommen, tröstet mich Mutter Reddy im Salon der Familienwohnung im Stadtteil Bandra West. "Sie ist ein wunderbares Mädchen, ein Mädchen, auf das man sich verlassen kann, ein Mädchen, das trotz ihrem Erfolg natürlich geblieben ist."
Die Familie Reddy gehört zum oberen Mittelstand. Der Vater besitzt eine Salbenfabrik, die Mutter ist Biochemikerin und betätigt sich als Holistic Healer, was sich unter anderem darin zeigt, dass sie jeden Menschen, dem sie begegnet, fest umarmt. Die drei Töchter sind alle ausgesprochen hübsch und stehen alle in der Öffentlichkeit, zwei als Fotomodelle, eine als VJ beim Musikkanal V-TV. Die berühmteste der drei ist Meghna. Sie zierte Covers von Frauenmagazinen wie der indischen "Elle" und machte Reklame für Pepsi, Levi's und Swatch. Nicht viel habe gefehlt, so Mutter Reddy, und sie hätte auch international Karriere gemacht. "Vielleicht waren es bloss ein paar wenige Zentimeter."
Als Meghna schliesslich doch noch auftaucht - in Jeans und T-Shirt und Wuschellocken -, hat die Mutter bereits fast alles über die Laufbahn ihrer Tochter erzählt. Wie sie schon mit 16 Jahren bei einem Schönheitswettbewerb einen Preis gewann, wie sie mit 18 von einem bekannten Model entdeckt wurde und aus dem Nichts den Sprung in die Szene schaffte, wie ihr Vater tobte, als sie nach London und Paris ging, kaum Arbeit fand, in einem kleinen, muffigen Zimmer strandete, wie sie der Vater wieder heimholte, wie sie nun in New York auf eine Designschule gehe und einen neuen Anfang versuche.
Meghna Reddy gibt sich weltgewandt: "Ich kann nicht mehr in Indien leben, aber ich kann auch nicht ohne Indien leben. Ich trage das indische Paradox in mir. In Indien bin ich noch immer ein Star. Hier kann ich locker das Geld verdienen, das ich brauche, aber ich will mehr vom Leben als nur lächeln und posieren. Auf dem Höhepunkt meiner Karriere verdiente ich für einen TV-Spot 5000 Dollar in zwei Tagen. Mit 19 hatte ich genügend Geld, um mein Leben so zu gestalten, wie ich wollte. Als erste Inderin färbte ich mir die Haare rosarot - Alkohol, Hasch, Parties waren mein Leben. Der Erfolg stieg mir in den Kopf. Ich meinte, ich könnte alles erreichen." Dass es in Paris und London nicht klappte, möchte sie allerdings nicht als Misserfolg werten, sondern als "Lektion Gottes". "Ich musste wieder zu mir selbst finden, ich trampte durch Europa und durch Afrika. Ganz allein mit 100 CDs im Gepäck. Ich begann zu meditieren." Heute, sagt sie, habe sie eine spirituelle Tiefe gefunden. "Ich bin Inderin, geprägt von der Tradition und Spiritualität dieses Landes. Gleichzeitig bin ich eine moderne Frau, die ihr Leben selber bestimmen will."
Meghna Reddy fühlt sich hin und her gerissen zwischen indischer Tradition und dem modernen globalen Lifestyle. Letzten Samstag pilgerte sie in den Nobelclub Athena, heute will sie zum Ganesh Chaturthi am Chowpatty Beach.
Es ist der letzte Tag des zehn Tage dauernden Hindufestes, an dem zum letzten Mal der Rüsselgott Ganesh - in Form von Tonfiguren - in endlosen Prozessionen zum Meer getragen und im Meer versenkt wird. Bereits am Nachmittag ist der Marine Drive abgesperrt. Aus allen Himmelsrichtungen haben sich Prozessionszüge in Gang gesetzt. Mit Blumengirlanden und Palmenwedeln geschmückte Wagen ruckeln heran, darauf bis zu drei Meter hohe Ganesh-Figuren in allen Farben und Variationen. Jeder Wagen wird begleitet von Trommlern, hinter ihnen Menschen, die sich in Trance tanzen, Frauen mit farbigen Kleidern, Männer mit nackten Oberkörpern und rot fluoreszierendem Gulal-Puder in den Haaren.
Ich lasse mich mit der Menge treiben. Als ich unten am Chowpatty Beach ankomme, stehen die ersten Ganeshs bereits im Wasser, treiben hinaus aufs Meer. Der Strand ist hell erleuchtet. Eine Million Menschen verfolgen das Spektakel, sitzen, stehen, liegen im Sand.
Ganesh Chaturthi ist eine Mischung von spiritueller Zeremonie, Jahrmarkt und Street Parade. Am Strassenrand werden Erdnüsse auf glühenden Kohlen geröstet, Maiskolben gebraten, geschälte Gurken feilgeboten. Ein graubärtiger Mann mit weissem Turban hat eine verrostete Waage vor sich hingestellt: Einmal wägen kostet 1 Rupie. Auch ein Miniriesenrad ist aufgestellt worden. Es ist kaum drei Meter hoch und wird von Menschen betrieben - von jungen Männern, die sich am Gestänge emporhangeln und dann herunterschwingen.
Am Abend finde ich eine Message im Hotel. Herr Desai lässt ausrichten, dass es leider Herrn Ambani nicht möglich sei, mich zum Interview zu empfangen. Der Chairman sei ins Ausland verreist, was er zu entschuldigen bitte. Dazu der Satz: "Hope to see you next time."
Nicht mehr als eine höfliche Floskel, gewiss. Aber Bombay wäre nicht Bombay, wenn nicht auch darin eine Art von Versprechen läge. Andreas Heller ist Redaktor bei NZZ Folio. Fotos: Raghu Rai, Mitglied der Fotografenagentur Magnum, Delhi.
Quelle:
www.nzz.ch, 03/2003
(gefunden von Betty Cherian) |