Wenner
& Kröger... das Interview.
"Ein Kulturschock kann auch
positiv sein"
 |
Filmemacherinnen:
Dorothee Wenner
und Merle Kröger im Gespräch. |
|
Dorothee Wenner
(45, DW) studierte Germanistik und Geschichte an der Universität Hamburg
und begann ihre Karriere 1985 als freischaffende Journalistin, Autorin und Filmemacherin. Seit 1990 ist sie Mitglied im Auswahlkomitee des Internationalen Forums des Jungen Films/Berlinale.
Als Berlinale-"Botschafterin" hat sich Wenner
stets für Filme aus Indien in Deutschland stark gemacht.
Aber auch ausserhalb blieb sie ihrem Prinzip treu, wie die
Projekte "Neues Kino aus Indien", "Asia Pacific Tage
2003", "Bollywood in Emden" zeigten. 2004 wurde ihr der
Gisela-Bonn Preis der Deutsch-Indischen Gesellschaft
verliehen, im selben Jahr engagierte sie sich als Kuratorin
für das Projekt "Import Export".
Merle Kröger
(39, MK) ist Filmemacherin, Autorin und Kuratorin und lebt in Berlin.
Bereits seit über 15 Jahren produziert sie Dokumentarfilme. Als Kuratorin hat sie für die 5. Internationale Werkleitz Biennale, das Internationale Dokumenarfilmfestival in Kassel und die Volksbühne Berlin gearbeitet. 2003
veröffentlichte sie ihren ersten Krimiroman "Cut!",
kürzlich mit "Kyai" den zweiten. Seit 2004 arbeitet sie
ebenfalls als Filmemacherin und Kuratorin für das Projekt
" Import Export".
Warum habt Ihr damals dieses Import/Export Projekt ins Leben gerufen? Wird es eine Fortsetzung geben?
MK: "Import Export" war das Ende – und der Anfang - einer langen Geschichte. Es begann damit, dass
sowohl Dorothee als auch mich Freunde in Berlin und in Bombay ständig darauf angesprochen haben, dass die andere ebenfalls gerade in Berlin – oder Bombay – war. Diesem jahrelangen Zustand haben wir in einer Kreuzberger Bar bei vielen Gläsern Rotwein ein denkwürdiges Ende gesetzt. Dass wir dann zusammen arbeiten, war nur noch eine Frage der Zeit, erstmal an Dorothees Filmserie "Unser Ausland", die ich geschnitten habe. Als dann die Ausschreibung zum EU India Economic Cross Cultural Project, kurz ECCP veröffentlicht wurde, haben uns gleich mehrere Leute die Unterlagen zugemailt. Wir haben uns hingesetzt und mit unseren indischen und österreichischen PartnerInnen in einem Monat einen 200seitigen Antrag geschrieben. Der Erfolg kam trotzdem überraschend – offensichtlich gab es in der EU Leute, die großen Wert darauf legten, dass auch mal ein sogenanntes "Grassroots" Projekt gefördert wird, nicht immer nur die üblichen Universitäten und Stiftungen.
Wie war das Feedback?
MK: Das Feedback lässt sich natürlich an dem direkten Interesse der lokalen Besucher an den einzelnen Festivals in Bombay, Wien und Berlin messen. Man kann sagen, diese Aufmerksamkeit wuchs von Festival zu Festival stetig an. Oder an der Intensität der Diskussionen auf den Konferenzen, der vielen Zusatzarbeit, die Künstler, Filmemacher, Wissenschaftler in ihre Einzelprojekte gesteckt haben, der Reaktionen auf die Filme, und und und... Am stärksten wirkt nach, dass es uns tatsächlich gelungen zu sein scheint, Netzwerke aufzubauen, zu aktivieren und damit ein vielschichtigeres Indienbild in Deutschland und umgekehrt zu ermöglichen. Diese Netzwerkbildung beantwortet gleichzeitig deine Frage nach der Fortsetzung. Davon wird es hoffentlich viele geben. Aber sicher nicht alle von uns.
Indien ist seit jeher einer der Mittelpunkte eurer Arbeit. Wie kam es dazu?
MK: Bei mir hat die Arbeit in Indien noch nicht eine so lange Geschichte. Davor stand eine ebenso lange Geschichte der persönlichen Freundschaften zu Filmemachern und Drehbuchautoren in Bombay, die zwar immer von der Gemeinsamkeit der Arbeit und der Interessen geprägt war, aber sich zunächst erstmal voll und ganz im "Privaten" abspielte: Filme gucken, in Bombay oder Berlin sein, lesen, ausgehen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausfinden. Die Arbeit kam dann irgendwann eher "von selbst" dazu, auch weil Leute hier von unseren vielen Aufenthalten in Bombay wussten und wir natürlich immer mehr darüber gesprochen haben.
Merle, du hast mit
"Cut!" sogar einen Krimi mit dieser Thematik geschrieben? Wie kommt man auf solch eine Idee? Verarbeitest du dort auch persönliche Erlebnisse?
Kürzlich erschien der zweite Krimi "Kyai!"... den Kampfschrei kenne ich noch vom Karate, es geht also nicht um Indien, richtig?
MK: Ich komme ja eigentlich vom Dokumentarfilm. Wäre es mir also bei "Cut!" um eine möglichst große Nähe zur Realität gegangen, hätte ich sicher keinen Krimi geschrieben. Mir ging es in der Fiktion darum, verschiedene historische Phasen und die Gegenwart deutsch-indischer Beziehungen miteinander zu verschränken, denn jede Begegnung zwischen zwei Menschen hat ja einen kulturellen und gesellschaftlichen Hintergrund. Auf der anderen Seite fließen natürlich auch persönliche Erlebnisse in so ein Buch mit ein. Denn ich komme ja wie gesagt vom Dokumentarfilm...
(grinst)
"Kyai!" hat zwar, wie du vermutest, einen inhaltlichen Bezug zur Kampfkunst, ansonsten jedoch gibt es ein Wiedersehen mit den drei Helden aus "Cut!", die zwischen Bombay, Berlin und Norddeutschland in neue deutsch-indische Abenteuer verwickelt werden. Ein historischer Bezug, der mich interessiert hat: Wie schreibt sich die Erfahrung von über hunderttausend Jugendlichen in den 70er und 80er Jahren bei Osho in Poona bis heute in die deutsche Wirklichkeit ein? Und es gibt einen dramatischen Bollywood-Dreh im Rapsfeld an der Ostsee.
Ich denke, dass jeder Künstler mit seiner Arbeit irgendein Ziel verfolgt oder eine Message rüberbringen will.
Ist das so?
MK: Da fällt mir ehrlich gesagt keine Antwort unter einer Seite zu ein. Natürlich hat jeder Künstler ein Anliegen, und wir haben sicher nicht nur eines. Aber das ändert sich auch von Projekt zu Projekt. Die Basis davon hat Dorothee mal eine "Haltung" genannt, der Ausdruck gefällt mir besser in jeder Hinsicht: politisch, kulturell und gesellschaftlich. Und definitiv über die Grenzen Deutschlands und Europas hinaus.
Berlin ist eine multikulturelle Stadt. Aber jetzt mal Hand aufs Herz, Dorothee, spiegelt die Offenheit Berlins gegenüber fremden Kulturen auch wirklich das Leben in der gesamten Bundesrepublik wider? Warum ist die (deutsche) Bevölkerung von ihrer Denkweise noch nicht so homogen? Kann sie nicht, will sie nicht... oder braucht sie einfach noch Zeit? Woran liegt das? Oder liegt es an den Einwanderern selbst?
DW: Klar: Berlin ist eine relativ große Stadt und deswegen ist hier eine andere Situation als in den Regionen - sagen wir mal: ländliches Baden-Württemberg oder Uckermark. Die Leute, die in Bezirken wie Kreuzberg oder Friedrichshain leben WOLLEN viel
"Welt" in ihrem Leben, viele wohnen ja hier, weil es ihnen in ihren Heimatdörfern oder Heimatstädten zu eng geworden ist. Das ist natürlich eine andere Situation und bedingt
"einfachere Ausgangsmöglichkeiten", um mit Migranten
"einen Alltag zu beginnen".... Aber Deine Frage zielt vielleicht in eine andere Richtung? Weil es ja nicht nur um das geht, was man hier braucht, erwartet, sich wünscht - von Leuten, die von anderswoher kommen und dann unsere Nachbarn, Kollegen werden? Ich glaube, dass es die deutsche Alltagskultur - ganz egal wo - Nicht-Deutschen nicht wirklich leicht macht, sich willkommen zu fühlen. Irgendwie ist man hierzulande immer noch mental in den 50er Jahren steckengeblieben, indem man von Migranten als Menschen ausgeht, die irgendwann wieder gehen sollen. Diese Auffassung ist furchtbar fest in den Köpfen vieler Menschen verankert - entsetzlich. Dennoch kommt es aber
immer wieder zu besonderen Momenten wo es „klick“ macht und z.B. Freundschaften entstehen, die man nicht für möglich gehalten hätte. Multikulturalität ist halt, wenn sie funktioniert, nur bedingt planbar, organisierbar - das ist ja das Spannende in dieser Interaktion. Auf keinen Fall glaube ich, dass „Stadt-und Landbevölkerung“ per se gut/offen bzw. fremdenfeindlich/verschlossen ist. In der Stadt gibt es mehr Gelegenheiten als auf dem Dorf, in der Stadt aber werden viele Gelegenheiten so gar nicht genutzt. Wer kennt schon seine Nachbarn? Das ist ein endloses Thema: man kann sich das, ohne „Gutmenschentum“ und doch als Individuum zur Lebensaufgabe machen. Jeden Tag. Wenn man sich vornimmt, in diese Richtung vorzupreschen, kommt man vielleicht etwas weiter?
Ihr seid beide Filmemacherinnen. Was war euer spannendstes Erlebnis, das Ihr im Laufe eurer Recherchen erlebt habt? Seid Ihr auch gemeinsam unterwegs?
MK: Die Dreharbeiten zu unserem gemeinsamen Film "Star Biz" in Poona und Bombay gehören für mich zu den schönsten Erlebnissen, da stimmte alles: das Team, die Protagonisten, der Spirit eben...
Eine andere bleibende Erinnerung, ein paar Jahre zuvor, ist unsere Freundin Urmi, die mitten im Stau in Bombay plötzlich sagte: "Ihr mögt Bombay? Dann dreht jetzt sofort" – und was folgte war eine halbstündige ungeschnittene One-Woman-Performance im Auto, eingekeilt zwischen Fahrrädern, Kühen, Lastwagen und PKWs: über die Unmöglichkeit, in dieser Stadt zu leben und die Unmöglichkeit, woanders zu leben.
DW: Mich treibt das „Brückenbauen“ an wie nichts anderes. Ich glaube, dass man als Filmemacherin oder Projektmacherin dazu in einer privilegierten Situation ist. Im kulturellen, filmischen Bereich finde ich nichts schöner als - in Filmen und bei Dreharbeiten, bei der Recherche - nach Situationen zu suchen, oder auch schaffen, die dazu führen, dass die Leute, die sich die Filme später anschauen, Gemeinsamkeiten mit den Leuten entdecken, die man als Vorbilder/Freunde, Freundinnen auf der Leinwand zu Wort kommen lässt - und damit Neugierde auf das Leben anderswo erzeugt.
Ein Europäer, der noch nie in Indien war, empfindet das Land oftmals als Kulturschock. War das bei euch auch so bzw. was habt Ihr gemacht, um die Vorzüge dieses Landes zu entdecken und schätzen zu lernen?
MK: Ein Kulturschock kann auch positiv
sein!
Dorothee, über dein Werk „Fearless Nadia“ wurde sogar in zahlreichen indischen Tageszeitungen berichtet. Erzähl uns doch kurz etwas über das Buch. Warum weckte es ein solches Interesse?
DW: Das war eine Melange aus vielen verschiedenen Bestandteile: zuerst war da Riyad Vinci Wadia, der durch die Recherche ein Freund von mir wurde. Leider ist Riyad inzwischen verstorben - viel zu früh, er war noch sehr jung, ein Aktivist der schwulen Szene von Bombay, ein Filmfreak und ein „networker“ über die Kontinente. Riyad hat mir die Türen zu einem frühen Bollywood geöffnet, das ich nicht kannte, auch niemals ohne ihn kennengelernt hätte: das kosmopolitische Bollywwod der 30er und 40er Jahre. Abenteuerlustige Pioniere, die damals Filme aus Passion gemacht haben, Die aber auch etwas zu sagen hatten: in den Filmen mit Fearless Nadia ging es immer auch um die Unabhängigkeit Indiens, um die Emanzipation der Frauen, um Alphabetisierungskampagnen, „um den Kampf gegen das Böse“.... Ich habe mich damals, bei den Recherchen zum Buch, total in Indien verknallt: ein Land, wo damals solche Filme entstanden, als in Deutschland nur übelste Nazi-Propaganda produziert wurde.... da wollte ich ich immer mehr drüber erfahren, die Leute kennenlernen, die damit zu tun hatten. Daraus ist dann das Buch entstanden, das hoffentlich ein bisschen von meiner „Begeisterung“ für dieses besondere Indien mitteilt.
Merle, du hast vor zwei Jahren an der Veranstaltung „Zwischen Subkultur und Bundestag - Inder der zweiten Generation in Deutschland“ von der Deutschen Welle in Berlin teilgenommen. Kann man eine zweite Generation in Deutschland als Ganzes beschreiben? Grenzt sie sich aus? Oder ist sie lediglich ein nomineller Faktor? Würdest du dich als passiver oder aktiver Teil der zweiten Generation zählen?
MK: Ich glaube, dass Deutschland, was die gesellschaftliche "Sichtbarkeit" der zweiten und dritten Migrantengeneration und die "Normalität" eines Einwanderungslandes angeht, immer noch weit hinter dem europäischen Durchschnitt zurückliegt. Das hat viele Gründe, die im Selbstverständnis dieses Landes und seiner Bürger liegen. Was man ablehnt, aber auch was man idealisiert und exotisiert, bleibt immer gleich weit weg.
Zur indischen Community kann ich nur durch "Import Export" etwas sagen, nicht aus persönlicher Erfahrung. Ich finde sie sehr divers, und das ist gut so. Ich kenne Aktivisten und Businessleute, Feministinnen und Traditionalistinnen, und alle sehr bewusst der Stereotypen, mit denen sie bis heute konfrontiert werden. Dieser Umgang mit den allgegenwärtigen Projektionen auf Indien, die einem hier begegnen, ist vielleicht das einzige, was ich teile. Alles andere wäre gelogen – ich bin in einer durchschnittlichen kleinbürgerlichen norddeutschen Familie aufgewachsen.
Eure aktuellen oder nächsten Projekte?
DW/MK: Wir arbeiten zur Zeit beide für den Talent Campus der Berlinale, und an einem Fernsehprojekt über die nigerianische Filmindustrie. Was Indien betrifft, würde ich gern die entstandenen Filme, Projekte, Bücher, Installationen in die weitere Distribution bringen. Und die Zukunft: Ich glaube, die Verbindungen sind zu fest geknüpft, die Freundschaften zu tief, als dass es eine Rolle spielt, ob ein Projekt vorbei ist oder das nächste schon angefangen hat...
Ich bedanke mich für eure
Antworten. |