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TEIL 2

von Anant Kumar

Kaleidoskopische Notizen aus dem modernen Bihar

Der in Kassel lebende indische Schriftsteller Anant Kumar besuchte nach einigen Jahren seine in die Moderne gerückte Heimat vom 10. Januar bis zum 14. Februar 02. Wir stellen Euch seinen Bericht in 3 Teilen in den nächsten Wochen vor. 
 
Teil 1: Das Riesenplakat - Die unzähligen Institute - C++, JAVA, ORACLE, HTML,... »
Teil 2: Die Kerosin-Lampen - Die besseren Frauen - Bollywood-Charakteristika
Teil 3: Diesellok verkürzt die Fahrten - Die Wahrheit und nur die Wahrheit - Die berühmte arische Frage - Der Kerosinjunge

Die Kerosin-Lampen

Die Computerläden haben ihre Privatgeneratoren, da der Stromausfall enorm ist. Das Motihari meiner Kindheit hatte vielleicht 1/ 10 der jetzigen Bevölkerung, und die Stadt hatte damals zehnmal mehr Strom. Das große neue Kohlenkraftwerk der Gegend wurde in den ersten Jahren nach der Fertigstellung stillgelegt.

Es lebe Kerosin! Ich kaufe schon am ersten Tag 2 Liter Kerosin vom Jungen auf dem Markt. Ohne das Licht der Kerosinlampen würden die Menschen in Motihari noch früher ins Bett gehen. In der Landeshauptstadt Patna, wo die gewählten Politiker, unter ihnen auch einige Banditen, Schurken und Lumpen, Landespolitik machen, sieht es mit dem Strom wesentlich besser aus.

Die besseren Frauen

Besser sieht es auch mit den Frauen aus. In mancher Hinsicht! Unauffällig fahren sie Fahr- und Motorräder, Autos, und sie laufen wie die Männer durch die Gegend. Bihar gilt als die unprogressivste Gegend Indiens. Also Fortschritt? Ja und nein! Die Mehrheit der Frauen samt ihren sozialen Schichten sitzt immer noch innerhalb ihrer vier Wände und kümmert sich um die Kinder, um den Haushalt,... und um die alltägliche Existenz.

Am hübschesten sind die Frauen auf den gigantischen Kinoplakaten. Die Schönheitsidole stehen darauf als: Sex-Divas in heißen Shorts und im knappen Oberteil...Vorbildliche kultivierte indische Schönheiten als Sinnbild der Liebe, Ruhe, seelischen Größe, und so weiter, deren Saris und Ornamente brillieren... Muskulöse und böse Patriotinnen mit Kanonen in ihren Händen,...

Bollywood-Charakteristika

Das Kino boomt bombastisch weiter. Nirgendwo in der Welt gibt es so viele kolossale Kinosäle mit Tausenden Sitzplätzen wie in Indien. Die Unterhaltungsader der Inder pulsiert in den Filmen. Die sich wiederholenden endlosen Streifen unterhalten die Inder, indem die Zuschauer ihre Wünsche in Erfüllung gehen sehen - auf den großen Leinwänden! Der Unterhaltungsbedarf der komplexen selbstbewussten indischen Psyche wird in Bombay geschmiedet. Dabei wird die moderne Zeit in Bollywood, der größten Filmdreherstadt der Welt, nicht unberücksichtigt gelassen. Es hängen zur Zeit in Motihari drei Hauptsorten der Kinoplakate.

Filme, die das altbewährte schöne große Indische mit dem Anhauch der modernen westlichen Werte darstellen. Hier sehen die Inder westliche Klamotten, importierte Wagen, Diskotheken, schweizerische Landschaften,... Die fremden Elemente werden jedoch geschickt und gekonnt den indischen Werten untergeordnet, zum Beispiel der großen ewigen Liebe (Mann-Frau, Mutter-Sohn, Bruder-Bruder), dem Guten, den schicksalbestimmenden indischen Göttern.

Schon in meiner Schulzeit kamen hin und wieder schmutzige Filme, die in die Richtung Softpornos gehen. Heute vermehrt sich die Anzahl dieser Filme: "Heiße Jugend!", "Geile Nächte!", "Schwankende Schritte!". Da in der Öffentlichkeit die Annährung zwischen den Geschlechtern tabuisiert und von der Gesellschaft nicht gut angesehen wird, können auch die Sex-Streifen gewisse Summen erzielen.

Die Megahits sind zur Zeit jedoch Patriotenfilme, deren Zentralthemen aus Pakistan, Kaschmir und Terrorismus bestehen. Das Blut jedes Inders kommt in Wallungen, wenn er anfängt, über den Schurken Pakistan zu sprechen. Jeder, vom Rikschafahrer bis zu einem Hochschullehrer, möchte dem Erzfeind eine blutige Lektion erteilen, solange der Mythos Kaschmir, die Krone Indiens, von den Feinden befleckt wird. Die Filmproduzenten erkennen die Konjunktur während der Kriegvorbereitungsphase.

TEIL 3 erscheint in einer Woche.
 


Anant Kumar: * Ende1969 in Katihar/Bihar/Indien, lebt und arbeitet in Kassel/Hessen

Buchveröffentlichungen: Fremde Frau - Fremder Mann (1997), Kasseler Texte (1998), Die Inderin (1999) und Die galoppierende Kuhherde (2001). "World Literature Today" schrieb über den Autor: "Kumar has certainly turned on its head the expectations one has of a non native German poet; in doing so, he has expended the horizons of Ausländerliteratur".

Homepage: www.anant-kumar.de.vu
 

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