LITERATUR << zurück

 
TEIL 3

von Anant Kumar

Kaleidoskopische Notizen aus dem modernen Bihar

Der in Kassel lebende indische Schriftsteller Anant Kumar besuchte nach einigen Jahren seine in die Moderne gerückte Heimat vom 10. Januar bis zum 14. Februar 02. Wir stellen Euch seinen Bericht in 3 Teilen in den nächsten Wochen vor. 
 
Teil 1: Das Riesenplakat - Die unzähligen Institute - C++, JAVA, ORACLE, HTML,... »
Teil 2: Die Kerosin-Lampen - Die besseren Frauen - Bollywood-Charakteristika »
Teil 3: Diesellok verkürzt die Fahrten - Die Wahrheit und nur die Wahrheit - Die berühmte arische Frage - Der Kerosinjunge

Diesellok verkürzt die Fahrten

Mit dem Dampfzug brauchte ich in meiner Jugend von Motihari bis Muzzaffarpur (etwa 50 Kilometer) in überfüllten Zügen über drei Stunden. Damals hielt der Regionalzug nach jedem zehnten Kilometer. Heute wird die Fahrt mit dem Schnellzug eine gute Stunde dauern. Die Diesellok fährt zügig auf den neuen einheitlichen breitspurigen Strecken. Mein Motihari ist aus seiner Vereinsamung längst raus und mit den Weltmetropolen Bombay und Delhi direkt verbunden.

Die Wahrheit und nur die Wahrheit

Ranjan Singh lügt nie. Tatsächlich! Als mir mein sehr guter Freund das mitteilte, war ich erstaunt. Im Bahnhof von Muzaffarpur lernten wir uns gegenseitig kennen. Ein kleiner schmächtiger Mann, dessen freundliches Lächeln mich ansprach. Dreitägiger Bart und lässig angezogen in indischer Kleidung. Wir unterhielten uns heiter.

Ranjan Singh lebt normal und zugleich anormal. Er hat eine Familie und zwei Kinder zu versorgen. Er hat einen Beruf. Strenge Vegetarier werden in Indien von Tag zu Tag weniger. Ranjan Singh ist einer von wenigen. Der Schüler eines spirituellen Lehrers verzichtet sogar auf Knoblauch, Zwiebeln, Ingwer, ..., jene Stoffe, die den Naturtrieb fördern könnten. Obwohl er nicht mit allen Lehren Gandhis einverstanden ist, möchte er dennoch den Wahrheitsweg weiter beschreiten.

Was mich eigentlich wunderte, war sein Beruf: Rechtsanwalt. Die Frage, die mir lange durch den Kopf ging, stellte ich nun: "Lieber Ranjan Singh! Ist es für Sie nicht schwierig, Ihren Beruf samt Ihrer Lebensphilosophie zu praktizieren?" Darauf erhielt ich eine heitere selbstbewusste Antwort, die ich mir längst vorgestellt hatte, aus seinem Munde: "In meinem Beruf bin ich längst erfolglos. Die Kollegen lachen über mich, und ich lache über sie." Dann rezitierte er, der Hobbypoet, einen gereimten sozialkritischen Vierzeiler auf Hindi:

Die Welt lacht über mich
Und über sie lache ich
Ja, Freunde! Lass uns abwarten
Wer lacht länger? Über wen?

Die berühmte arische Frage

Die Mehrheit der gebildeten indischen Gelehrten hat immer noch ein sehr interessantes Deutschlandbild, das sich um Adolf Hitler und seinen Rassentheorie dreht. Jeder weiß das und ist Stolz darauf, dass sogar Hitler den Zugang zu der nordindischen Rasse haben soll. Die Menschen in jenem Teil des Himalayas haben blaue Augen, helle Hauttönung und markante Gesichtszüge. 
Auch auf einer Zugfahrt stellte mir ein sehr bekannter Arzt, der in seinen Jungendjahren viel in Europa gereist war, eine sehr würzige Variante der "deutschen" Rassentheorie vor. Grinsend fragte mich der alte Herr: "Sagen Sie mal Herr Schriftsteller, mögen die deutschen Frauen immer noch die indischen arischen Männer vom Gebirge Himachal Pradesh (Bundesland Indiens). Da leben die arischen Völkerstämme, bei denen eine Frau mit mehreren Männern schlafen kann - sittengemäß. Die sind sehr beliebt unter den deutschen Frauen! Wissen Sie das?" Ich hatte große Augen, und erstaunt erwiderte ich dem Herrn: "Ich wusste das nicht!" Ein wenig enttäuscht ging er wiederholt - voll überzeugt - auf das Thema ein, indem er allen Mitpassanten die Geschichte ausführlich erläuterte.

Der Kerosinjunge

Die Glühbirnen Motiharis lassen sich nur tagsüber blicken - im üppigen Sonnengelb. Sonst bleibt der Stromausfall beständig. Täglich funktionieren die elektrischen Geräte nicht mehr als eine Stunde.

Zwei Tagen vor meiner Abreise ging ich nochmals Kerosin holen. Auf dem Markt saß kein Kerosinverkäufer. Ein wenig irritiert fragte ich den danebensitzenden Eierverkäufer, wo man Kerosin kaufen könnte. Der wies mich auf den gegenüberliegenden Gemüsestand hin. Mit Gemüsekörben umgeben saß da ein kleiner Junge, der in eine Zeitungslektüre vertieft war. Auf meine Anfrage schaute er hinauf und erkannte mich sofort wieder. Der Gemüsehändler und der Kerosinjunge waren eine und dieselbe Person. Der Junge lächelte mich freundlich an und teilte mir mit, dass er Kerosin nicht vom Großhändler hätte abholen können. 
"Aber Ihnen könnte ich ein Liter aus der Reserve geben!" Ich bedankte mich für sein freundliches Angebot. "Sehr gerne!", und er füllte meine Flasche auf. Inzwischen gingen meine Blicke auf den Zeitungsartikel: Das war eine Editorialkolumne einer der besten Zeitung Indiens! Ich war wieder erstaunt und zugleich gerührt:

"Liest Du gerne Zeitungen!"
Er gab mir das Wechselgeld zurück und antwortete: 
"Ja Sir!"
"Wow, gehst Du auch in die Schule?"
"Ja Sir!"
"Welche Klasse?"
"Fünfte, Sir!"
"Und wie alt?"
"Neun, Sir!"
"Wie heißt du denn eigentlich?
"Sudhir Kumar, Sir!"
"Sehr gut Sudhir, dann mach's Gut und mach's weiter!"
"Ihnen auch alles Gute, Sir!"

 


Anant Kumar: * Ende1969 in Katihar/Bihar/Indien, lebt und arbeitet in Kassel/Hessen

Buchveröffentlichungen: Fremde Frau - Fremder Mann (1997), Kasseler Texte (1998), Die Inderin (1999) und Die galoppierende Kuhherde (2001). "World Literature Today" schrieb über den Autor: "Kumar has certainly turned on its head the expectations one has of a non native German poet; in doing so, he has expended the horizons of Ausländerliteratur".

Homepage: www.anant-kumar.de.vu
 

© copyright www.theinder.net 3-2002