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Kaleidoskopische Notizen aus dem modernen Bihar
Der in Kassel lebende indische Schriftsteller Anant Kumar besuchte nach einigen Jahren seine in die Moderne gerückte Heimat vom 10. Januar bis zum 14. Februar 02.
Wir stellen Euch seinen Bericht in 3 Teilen in den nächsten
Wochen vor.
Das Riesenplakat
Auf dem Riesenplakat am Rondel der ostindischen Stadt Motihari steht etwa folgendes: "Gemäß dem Paragraph 94 ist der Fötusmord nach einer ärztlichen Untersuchung strafbar! Der Täter und die Beteiligten könnten zur härteren Strafe verurteilt und für mehrere Monate ins Gefängnis gebracht werden!" Die Bundesregierung in Neu-Delhi hat derartige Maßnahmen ergreifen müssen, da in vielen Bundesländern Indiens das Geschlechter-Gleichgewicht aus den Fugen gerät. Im Klartext: Frauen werden weniger! Und das verfemte arme Bundesland Bihar, Heimatort des Verfassers, liegt ganz oben auf der Landeshitliste: Bihar hat unter 950 Frauen zu je 1000 Männern.
Die unzähligen Institute
Die Bevölkerungszahl der idyllischen Kleinstadt meiner Kindheit hat sich in den letzten Jahren bis zum Platzen vervielfacht, und dementsprechend schießen Privatschulen, Englischinstitute, Sonderinstitutionen wie Pilze aus dem Boden. Die allmähliche Lahmlegung der Regierungsschulen fördert unmittelbar die Verbreitung der Geldmacherinstitutionen. Die alten Bildungseinrichtungen, die eine stabile Bildungsinfrastruktur hatten und jedem eine gute kostenlose Bildung ermöglichten, funktionieren heute nicht mehr. Es wird in Regierungsschulen nicht unterrichtet. Stattdessen verkauft Schuldirektor Schreibmaschinen, Schreibwaren, Rechner, Möbel der Schule; Chemie-Lehrer Laborinstrumente; Sportlehrer Turngeräte, usw. "Ich gehe wöchentlich einmal in die Schule, um die Anwesenheitsliste für die ganze Woche anzukreuzen!", sagt Akash Priyadarschi. "In der Schule wird nichts getan. Es ist reine Zeitverschwendung. Stattdessen lerne ich mit den Büchern zu Hause!", sagt der fleißige Siebzehnjährige, der kurz vor dem Abschluss des zehnten Schuljahres steht. Die Lehrer erteilen firmenartig Privatstunden: Physik, Chemie, Bio, Mathe,... Jeder Schüler und Student nimmt sie. So verdienen manche Lehrer astronomische Summen. Es gibt in Tageszeitungen hin und wieder Steuerhinterziehungsaffären der Lehrer, Beamten, Geschäftsleute,..., falls sich die von der hohen Korruption verseuchte Landesregierung Bihar darum bemüht. Die halbrichtigen und halbfalschen Privatschulen machen massive Werbung mit ihren sich ähnelnden Slogans auf Englisch. Ebenso verbreiten sich amöbenartig Englisch-Institute, die den Erwachsenen Biharis das Sprechen fließenden Englischs binnen drei Monaten garantieren. Erstaunlich! Oder "Inglisch"? Ich amüsiere mich über die verwirrenden Bildungsangebote. Die ausufernde Bevölkerung kann in der freien Marktwirtschaft noch einige gebrauchen.
C++, JAVA, ORACLE, HTML,...
Meine manuelle Rikscha wird zügig auf den gelöcherten Straßen gezogen. Wie vor Jahren unter dem Chaos der erdenklichen primitiven und modernen Transportmittel: Pferde- und Ochsenwagen, Fahr- und Motorräder, indische und halbindische Autos (Suzuki, Daihatsu, Ford,... ), Laster und Busse, Traktoren, Rikschas,... Hinzu kommen Tausende Passanten, jede Menge freilaufende Kühe, Hunde, Büffel, Schweine,...
Ich begegne drei-vier Schildern der Cyber-Cafés und der Computerschulungen (C++, JAVA, ORACLE, HTML,...) Laut einer Statistik hat Indien 10 Rechner pro Tausend Menschen. Das verfeindete Nachbarland soll 11 pro Tausend Menschen haben. Ich schmunzele. Die Patrioten-Inder legen dafür eine vernünftige Erklärung vor: Pakistan ist viel kleiner als Indien. Ich schmunzele noch mehr. Einige meinen, dass die Quellenstatistik drei-vier Jahre alt wäre. In den letzten Jahren soll Indien einen großen Computerboom erlebt haben.
Die
Kerosin-Lampen
Die Computerläden
haben ihre Privatgeneratoren, da der Stromausfall enorm ist.
Das Motihari meiner Kindheit hatte vielleicht 1/ 10 der
jetzigen Bevölkerung, und die Stadt hatte damals zehnmal
mehr Strom. Das große neue Kohlenkraftwerk der Gegend wurde
in den ersten Jahren nach der Fertigstellung stillgelegt.
Es lebe
Kerosin! Ich kaufe schon am ersten Tag 2 Liter Kerosin vom
Jungen auf dem Markt. Ohne das Licht der Kerosinlampen würden
die Menschen in Motihari noch früher ins Bett gehen. In der
Landeshauptstadt Patna, wo die gewählten Politiker, unter
ihnen auch einige Banditen, Schurken und Lumpen,
Landespolitik machen, sieht es mit dem Strom wesentlich
besser aus.
Die
besseren Frauen
Besser sieht
es auch mit den Frauen aus. In mancher Hinsicht! Unauffällig
fahren sie Fahr- und Motorräder, Autos, und sie laufen wie
die Männer durch die Gegend. Bihar gilt als die
unprogressivste Gegend Indiens. Also Fortschritt? Ja und
nein! Die Mehrheit der Frauen samt ihren sozialen Schichten
sitzt immer noch innerhalb ihrer vier Wände und kümmert
sich um die Kinder, um den Haushalt,... und um die alltägliche
Existenz.
Am hübschesten
sind die Frauen auf den gigantischen Kinoplakaten. Die Schönheitsidole
stehen darauf als: Sex-Divas in heißen Shorts und im
knappen Oberteil...Vorbildliche kultivierte indische Schönheiten
als Sinnbild der Liebe, Ruhe, seelischen Größe, und so
weiter, deren Saris und Ornamente brillieren... Muskulöse
und böse Patriotinnen mit Kanonen in ihren Händen,...
Bollywood-Charakteristika
Das Kino
boomt bombastisch weiter. Nirgendwo in der Welt gibt es so
viele kolossale Kinosäle mit Tausenden Sitzplätzen wie in
Indien. Die Unterhaltungsader der Inder pulsiert in den
Filmen. Die sich wiederholenden endlosen Streifen
unterhalten die Inder, indem die Zuschauer ihre Wünsche in
Erfüllung gehen sehen - auf den großen Leinwänden! Der
Unterhaltungsbedarf der komplexen selbstbewussten indischen
Psyche wird in Bombay geschmiedet. Dabei wird die moderne
Zeit in Bollywood, der größten Filmdreherstadt der Welt,
nicht unberücksichtigt gelassen. Es hängen zur Zeit in
Motihari drei Hauptsorten der Kinoplakate.
Filme, die
das altbewährte schöne große Indische mit dem Anhauch der
modernen westlichen Werte darstellen. Hier sehen die Inder
westliche Klamotten, importierte Wagen, Diskotheken,
schweizerische Landschaften,... Die fremden Elemente werden
jedoch geschickt und gekonnt den indischen Werten
untergeordnet, zum Beispiel der großen ewigen Liebe
(Mann-Frau, Mutter-Sohn, Bruder-Bruder), dem Guten, den
schicksalbestimmenden indischen Göttern.
Schon in
meiner Schulzeit kamen hin und wieder schmutzige Filme, die
in die Richtung Softpornos gehen. Heute vermehrt sich die
Anzahl dieser Filme: "Heiße Jugend!", "Geile
Nächte!", "Schwankende Schritte!". Da in der
Öffentlichkeit die Annährung zwischen den Geschlechtern
tabuisiert und von der Gesellschaft nicht gut angesehen
wird, können auch die Sex-Streifen gewisse Summen erzielen.
Die Megahits
sind zur Zeit jedoch Patriotenfilme, deren Zentralthemen aus
Pakistan, Kaschmir und Terrorismus bestehen. Das Blut jedes
Inders kommt in Wallungen, wenn er anfängt, über den
Schurken Pakistan zu sprechen. Jeder, vom Rikschafahrer bis
zu einem Hochschullehrer, möchte dem Erzfeind eine blutige
Lektion erteilen, solange der Mythos Kaschmir, die Krone
Indiens, von den Feinden befleckt wird. Die Filmproduzenten
erkennen die Konjunktur während der
Kriegvorbereitungsphase.
Diesellok
verkürzt die Fahrten
Mit dem
Dampfzug brauchte ich in meiner Jugend von Motihari bis
Muzzaffarpur (etwa 50 Kilometer) in überfüllten Zügen über
drei Stunden. Damals hielt der Regionalzug nach jedem
zehnten Kilometer. Heute wird die Fahrt mit dem Schnellzug
eine gute Stunde dauern. Die Diesellok fährt zügig auf den
neuen einheitlichen breitspurigen Strecken. Mein Motihari
ist aus seiner Vereinsamung längst raus und mit den
Weltmetropolen Bombay und Delhi direkt verbunden.
Die
Wahrheit und nur die Wahrheit
Ranjan Singh
lügt nie. Tatsächlich! Als mir mein sehr guter Freund das
mitteilte, war ich erstaunt. Im Bahnhof von Muzaffarpur
lernten wir uns gegenseitig kennen. Ein kleiner schmächtiger
Mann, dessen freundliches Lächeln mich ansprach. Dreitägiger
Bart und lässig angezogen in indischer Kleidung. Wir
unterhielten uns heiter.
Ranjan Singh
lebt normal und zugleich anormal. Er hat eine Familie und
zwei Kinder zu versorgen. Er hat einen Beruf. Strenge
Vegetarier werden in Indien von Tag zu Tag weniger. Ranjan
Singh ist einer von wenigen. Der Schüler eines spirituellen
Lehrers verzichtet sogar auf Knoblauch, Zwiebeln, Ingwer,
..., jene Stoffe, die den Naturtrieb fördern könnten.
Obwohl er nicht mit allen Lehren Gandhis einverstanden ist,
möchte er dennoch den Wahrheitsweg weiter beschreiten.
Was mich
eigentlich wunderte, war sein Beruf: Rechtsanwalt. Die
Frage, die mir lange durch den Kopf ging, stellte ich nun:
"Lieber Ranjan Singh! Ist es für Sie nicht schwierig,
Ihren Beruf samt Ihrer Lebensphilosophie zu
praktizieren?" Darauf erhielt ich eine heitere
selbstbewusste Antwort, die ich mir längst vorgestellt
hatte, aus seinem Munde: "In meinem Beruf bin ich längst
erfolglos. Die Kollegen lachen über mich, und ich lache über
sie." Dann rezitierte er, der Hobbypoet, einen
gereimten sozialkritischen Vierzeiler auf Hindi:
Die Welt
lacht über mich
Und über sie lache ich
Ja, Freunde! Lass uns abwarten
Wer lacht länger? Über wen?
Die berühmte
arische Frage
Die Mehrheit
der gebildeten indischen Gelehrten hat immer noch ein sehr
interessantes Deutschlandbild, das sich um Adolf Hitler und
seinen Rassentheorie dreht. Jeder weiß das und ist Stolz
darauf, dass sogar Hitler den Zugang zu der nordindischen
Rasse haben soll. Die Menschen in jenem Teil des Himalayas
haben blaue Augen, helle Hauttönung und markante Gesichtszüge.
Auch auf einer Zugfahrt stellte mir ein sehr bekannter Arzt,
der in seinen Jungendjahren viel in Europa gereist war, eine
sehr würzige Variante der "deutschen"
Rassentheorie vor. Grinsend fragte mich der alte Herr:
"Sagen Sie mal Herr Schriftsteller, mögen die
deutschen Frauen immer noch die indischen arischen Männer
vom Gebirge Himachal Pradesh (Bundesland Indiens). Da leben
die arischen Völkerstämme, bei denen eine Frau mit
mehreren Männern schlafen kann - sittengemäß. Die sind
sehr beliebt unter den deutschen Frauen! Wissen Sie
das?" Ich hatte große Augen, und erstaunt erwiderte
ich dem Herrn: "Ich wusste das nicht!" Ein wenig
enttäuscht ging er wiederholt - voll überzeugt - auf das
Thema ein, indem er allen Mitpassanten die Geschichte ausführlich
erläuterte.
Der
Kerosinjunge
Die Glühbirnen
Motiharis lassen sich nur tagsüber blicken - im üppigen
Sonnengelb. Sonst bleibt der Stromausfall beständig. Täglich
funktionieren die elektrischen Geräte nicht mehr als eine
Stunde.
Zwei Tagen
vor meiner Abreise ging ich nochmals Kerosin holen. Auf dem
Markt saß kein Kerosinverkäufer. Ein wenig irritiert
fragte ich den danebensitzenden Eierverkäufer, wo man
Kerosin kaufen könnte. Der wies mich auf den gegenüberliegenden
Gemüsestand hin. Mit Gemüsekörben umgeben saß da ein
kleiner Junge, der in eine Zeitungslektüre vertieft war.
Auf meine Anfrage schaute er hinauf und erkannte mich sofort
wieder. Der Gemüsehändler und der Kerosinjunge waren eine
und dieselbe Person. Der Junge lächelte mich freundlich an
und teilte mir mit, dass er Kerosin nicht vom Großhändler
hätte abholen können.
"Aber Ihnen könnte ich ein Liter aus der Reserve
geben!" Ich bedankte mich für sein freundliches
Angebot. "Sehr gerne!", und er füllte meine
Flasche auf. Inzwischen gingen meine Blicke auf den
Zeitungsartikel: Das war eine Editorialkolumne einer der
besten Zeitung Indiens! Ich war wieder erstaunt und zugleich
gerührt:
"Liest
Du gerne Zeitungen!"
Er gab mir das Wechselgeld zurück und antwortete:
"Ja Sir!"
"Wow, gehst Du auch in die Schule?"
"Ja Sir!"
"Welche Klasse?"
"Fünfte, Sir!"
"Und wie alt?"
"Neun, Sir!"
"Wie heißt du denn eigentlich?
"Sudhir Kumar, Sir!"
"Sehr gut Sudhir, dann mach's Gut und mach's
weiter!"
"Ihnen auch alles Gute, Sir!"
Anant Kumar: * Ende1969 in Katihar/Bihar/Indien, lebt und arbeitet in Kassel/Hessen
Buchveröffentlichungen:
Fremde Frau - Fremder Mann (1997), Kasseler Texte (1998), Die Inderin (1999) und Die galoppierende Kuhherde (2001). "World Literature Today" schrieb über den Autor: "Kumar has certainly turned on its head the expectations one has of a non native German poet; in doing so, he has expended the horizons of Ausländerliteratur".
Homepage: www.anant-kumar.de.vu
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