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ESSAY

von Anant Kumar

Papa und Orangen

Mein Vater hatte ja vielleicht etwas gegen die Orangen. Vielleicht, weil er uns, Mutter und Kindern, nie ausdrücklich sein Desinteresse an den gelben saftigen Früchten geäußert hatte. Jedenfalls brachte er nie Orangen mit nach Hause. Stattdessen türmten sich in der Küche Äpfel und Bananen auf. Dass die beiden, das heißt Äpfel und Bananen, seine Lieblinge waren, wussten wir Kinder.

Wir hatten einen großen Hausgarten für Gemüse und Obst in jener ostindischen Kleinstadt Motihari. Darin wuchs jede Menge saisonalbedingtes Gemüse, und am Rande des Feldes waren zahlreiche Bananenbäume gepflanzt. In der heißen Monsungegend wachsen ja keine Äpfel. Sie kommen aus dem nördlichen Himalaja, wo das Klima gemäßigter und der Boden hügeliger ist. 

Orangen wuchsen bei uns auch nicht. Sie kamen aus dem westlichen Teil Indiens zu uns. Es hieß, dass es in der Gegend von Nagpur viele Orangenplantagen gibt, aber ich habe als Kind keinen Orangenbaum gesehen, obwohl ich es mir so sehr wünschte: duftende Bäume voller saftiger Früchte!

Als Kind mochte ich sie sehr, auch weil der schwüle Sommer in Indien lange anhält - wie der nieselnde deutsche Winter. Daher schmachtete die trockene Kinderkehle nach süßem frischen Orangensaft. Auch meine zweitälteste Schwester Mukta mochte Zitrusfrüchte sehr. Wir, Geschwister, pressten uns neckisch die prickelnden Säfte der Orangenschalen gegenseitig in die Augen. Das hielten wir für die Augen gesund, genauso wie die Tränen beim Zwiebeln schneiden. 

Orangen gab es nur gelegentlich zu Hause, wenn jemand anderer als Papa Früchte gekauft oder als Geschenk mitgebracht hatte.

Früchte konnte man genug in Motihari kaufen. Mal ein wenig teuerer, mal ein wenig günstiger. Auf dem Mina-Bazar im Stadtzentrum gab es unzählige Obstläden. Papa kaufte Früchte bei einem dicken reichen Händler an der Hauptstraße. Dieser Mann gefiel mir überhaupt nicht. Nicht nur wegen seines Riesen-Bauches, sondern vor allem wegen seiner Art. Der Dicke wirkte auf mich schon immer unsympathisch und geldgeil. Aber er hatte mehr Glück als die anderen Verkäufer. Die Lage seines Ladens war optimal, und der reiche und analphabetisierte Händler hatte gute Kundschaft aus den mittleren und reicheren Schichten.

Ich weiß bis heute nicht, was die gebildeten Menschen meiner Stadt am aufgeblähten Bauch und am noch aufgeblähteren Hirn jenes Händlers fanden. Ich vermute mal, dass da auch das alte Gesetz des Kapitalismus im Spiel war. Nämlich, dass das Geld einen interessanter und anziehender macht. So wurde der Reiche noch reicher. Ob sich allerdings auch sein Gehirn weiter entwickelte, darf bezweifelt werden. 

Dass es so viele Unterarten von Orangen gibt, habe ich erst in Deutschland erfahren. Die Klementinen, Mandarinen und Apfelsinen esse ich hier hin und wieder. Aber ein derartiges Schmachten nach Orangen wie damals in meiner Kindheit habe ich nicht. Vielleicht liegt es daran, dass meine Kehle hier, im kalten Europa, selten dürstet. Im Gegensatz zum hitzigen Motihari.

Aber die Sehnsucht nach einem überladenen Orangenbaum erwacht auch hier ab und an. Und tragischerweise werden die Orangen auch in Deutschland nicht angebaut. Sie kommen aus Spanien. Vielleicht lese ich eines Tages meine Gedichte in Spanien unter einem Orangenbaum.

Papa starb gegen jede Erwartung sehr jung. Und er schuldet mir noch jene Antwort, warum er die Orangen nicht leiden konnte. 

Ich fühle mich manchmal wie ein Magier, und obendrein bin ich ein Dichter. Vielleicht sollte ich eines Tages Papa beschwören, um die Antwort meiner Frage zu bekommen. 

Doch ich weiß, wenn Papa da ist, werde ich meine Frage vergessen haben. Und er wird weiter Äpfel und Bananen nach Hause bringen. Ja, keine Orangen, meine Lieblinge! Und ich werde mich über seine Äpfel und Bananen neckisch lustig machen, zumal ich fast so groß geworden bin wie er.
 


Anant Kumar: * Ende1969 in Katihar/Bihar/Indien, lebt und arbeitet in Kassel/Hessen

Buchveröffentlichungen: Fremde Frau - Fremder Mann (1997), Kasseler Texte (1998), Die Inderin (1999) und Die galoppierende Kuhherde (2001). "World Literature Today" schrieb über den Autor: "Kumar has certainly turned on its head the expectations one has of a non native German poet; in doing so, he has expended the horizons of Ausländerliteratur".
Anant Kumar schreibt hier exklusiv für theInder.net.

Homepage: www.anant-kumar.de.vu
 

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