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Wut ist der Schlüssel
von Arundhati
Roy
Nach den skrupellosen Selbstmordanschlägen auf
das Pentagon und das World Trade Center erklärte ein amerikanischer
Nachrichtensprecher: "Selten zeigen sich Gut und Böse so deutlich wie
am letzten Dienstag. Leute, die wir nicht kennen, haben Leute, die wir
kennen, hingemetzelt. Und sie haben es voller Verachtung und Schadenfreude
getan." Dann brach der Mann in Tränen aus.
Hier haben wir das Problem: Amerika führt einen Krieg gegen Leute, die es
nicht kennt (weil sie nicht oft im Fernsehen zu sehen sind). Noch bevor
die amerikanische Regierung den Feind richtig identifiziert, geschweige
denn angefangen hat, sein Denken zu verstehen, hat sie, mit großem Tamtam
und peinlicher Rhetorik, eine "internationale Allianz gegen den
Terror" zusammen geschustert, die Streitkräfte und die Medien
mobilisiert und auf den Kampf eingeschworen. Allerdings wird Amerika, sobald
es in den Krieg gezogen ist, kaum zurückkehren können, ohne eine Schlacht
geschlagen zu haben. Wenn es den Feind nicht findet, wird es, der
aufgebrachten Bevölkerung daheim zuliebe, einen Feind konstruieren müssen.
Kriege entwickeln ihre eigene Dynamik, Logik und Begründung, und wir werden
auch diesmal aus dem Blick verlieren, warum er überhaupt geführt wird.
Wir erleben hier, wie das mächtigste Land der Welt in seiner Wut
reflexartig nach einem alten Instinkt greift, um einen neuartigen Krieg zu führen.
Nun, da Amerika sich selbst verteidigen muß, sehen die schnittigen
Kriegsschiffe, die Cruise Missiles und F-16-Kampfjets auf einmal ziemlich alt
und schwerfällig aus .Amerikas nukleares Arsenal taugt nicht zur
Abschreckung. Teppichklingen, Taschenmesser und kalte Wut sind die Waffen,
mit denen die Kriege des neuen Jahrhunderts geführt werden. Wut ist der Schlüssel.
Ihn bekommt man unbemerkt durch den Zoll, durch jede Gepäckkontrolle
Gegen wen kämpft Amerika? In seiner Rede vor dem Kongreß bezeichnete PräsidentBush
die Feinde Amerikas als "Feinde der Freiheit". "Die Bürger
Amerikas fragen,warum sie uns hassen", sagte er. "Sie hassen
unsere Freiheiten - unsereReligionsfreiheit, unsere Redefreiheit, unsere
Freiheit zu wählen, uns zuversammeln und nicht immer einer Meinung zu
sein." Zweierlei wird unsabverlangt. Zum einen sollen wir glauben, daß
der Feind der ist, der von dieserRegierung als Feind deklariert wird, obwohl
sie keine konkreten Beweise vorlegenkann. Und zum anderen sollen wir
glauben, daß die Motive des Feindes genau soaussehen, wie sie von der
Regierung dargestellt werden, obwohl es auch dafürkeine Beweise gibt.
Aus strategischen, militärischen und ökonomischen Gründen muß die
amerikanischeÖffentlichkeit unbedingt davon überzeugt werden, daß
Freiheit und Demokratie undder American way of life bedroht sind. In der
gegenwärtigen Atmosphäre vonTrauer, Empörung und Wut ist derlei leicht zu
vermitteln. Wenn das tatsächlichstimmt, stellt sich jedoch die Frage, warum
die Anschläge den Symbolen derwirtschaftlichen und militärischen Macht
Amerikas galten. Warum nicht derFreiheitsstatue? Könnte es sein, daß die
finstere Wut, die zu den Anschlägenführte, nichts mit Freiheit und
Demokratie zu tun hat, sondern damit, daßamerikanische Regierungen genau
das Gegenteil unterstützt haben - militärischenund wirtschaftlichen
Terrorismus, Konterrevolution, Militärdiktaturen, religiöseBigotterie und
unvorstellbaren Genozid (außerhalb Amerikas)?
Für die trauernden Amerikaner ist es gewiß schwer, mit Tränen in den
Augen aufdie Welt zu schauen und eine Haltung zu bemerken, die ihnen
vielleicht alsGleichgültigkeit erscheint. Doch es handelt sich nicht um
Gleichgültigkeit. Esist eine Ahnung, ein Nicht-Überraschtsein. Es ist eine
alte Erkenntnis, daß jedeSaat irgendwann auch aufgeht. Die Amerikaner
sollten wissen, daß der Haß nichtihnen gilt, sondern der Politik ihrer
Regierung. Ihnen kann unmöglich entgangensein, daß ihre außergewöhnlichen
Musiker, ihre Schriftsteller, Schauspieler,ihre phänomenalen Sportler und
ihre Filme überall auf der Welt beliebt sind. Wiralle waren bewegt von dem
Mut und der Würde der Feuerwehrleute, derRettungskräfte und der gewöhnlichen
Büroangestellten in den Tagen und Wochennach den Anschlägen.
Amerikas Trauer ist immens und immens öffentlich. Es wäre grotesk, von
denAmerikanern zu erwarten, daß sie ihren Schmerz relativieren oder mäßigen.
Aberes wäre schade, wenn sie, statt zu versuchen, die Ereignisse des 11.
Septemberzu begreifen, das Mitgefühl der gesamten Welt beanspruchten und
nur die eigenenToten rächen wollten. Denn dann wäre es an uns, unangenehme
Fragen zu stellenund harte Worte zu sagen. Und weil wir zu einem unpassenden
Zeitpunkt vonunseren Schmerzen sprechen, wird man uns tadeln, ignorieren und
am Endevielleicht zum Schweigen bringen. Doch die Zeichen stehen auf Krieg.
Was gesagtwerden muß, sollte rasch gesagt werden.
Bevor Amerika das Steuer der "internationalen Allianz gegen den
Terror"übernimmt, bevor es andere Länder auffordert (und zwingt),
sich an seinernachgerade göttlichen Mission - der ursprüngliche Name der
Operation lautete"Grenzenlose Gerechtigkeit" - aktiv zu
beteiligen, sollten vielleicht ein paarDinge geklärt werden. Führt Amerika
Krieg gegen den Terror in Amerika oder gegenden Terror ganz allgemein? Was
genau wird gerächt? Der tragische Verlust vonfast siebentausend
Menschenleben, die Vernichtung von vierhundertfünfzigtausendQuadratmetern Bürofläche
in Manhattan, die Zerstörung eines Flügels desPentagon, der Verlust von
Hunderttausenden von Arbeitsplätzen, der Bankrotteiniger Fluggesellschaften
und der Absturz der New Yorker Börse? Oder geht es ummehr?
Als Madeleine Albright, die ehemalige Außenministerin der Vereinigten
Staaten,im Jahr 1996 gefragt wurde, was sie dazu sage, daß 500 000
irakische Kinderinfolge des amerikanischen Wirtschaftsembargos gestorben
seien, sprach sie voneiner sehr schweren Entscheidung, doch der Preis sei,
alles in allem, nicht zuhoch gewesen. Die Sanktionen gegen den Irak sind übrigens
noch immer in Kraft,und noch immer sterben Kinder. Genau darum geht es: um
die willkürlicheUnterscheidung zwischen Zivilisation und Barbarei, zwischen
"Ermordungunschuldiger Menschen" oder "Krieg der
Kulturen" und "Kollateralschäden". DieSophisterei und
eigenwillige Algebra grenzenloser Gerechtigkeit: Wie viele toteIraker sind
notwendig, damit es besser zugeht auf der Welt? Wie viele toteAfghanen für
jeden toten Amerikaner? Wie viele tote Frauen und Kinder für einentoten
Mann? Wie viele tote Mudschahedin für einen toten Investmentbanker?
Eine Koalition der Supermächte der Welt schließt nun einen Ring um
Afghanistan,eines der ärmsten und am stärksten verwüsteten Länder der
Welt, dessenTaliban-Regierung Usama Bin Ladin Unterschlupf gewährt. Das
einzige, was inAfghanistan überhaupt noch zerstört werden könnte, sind
die Menschen. (Daruntereine halbe Million verkrüppelte Waisenkinder. Es
wird berichtet, daß es zuwildem Gedrängel der Humpelnden kommt, wenn über
entlegenen, unzugänglichenDörfern Prothesen abgeworfen werden.) Die
afghanische Wirtschaft ist ruiniert.Aus Bauernhöfen sind Massengräber
geworden. Das Land ist übersät mit Landminen -nach jüngsten Schätzungen
zehn Millionen. Eine Million Menschen sind aus Furchtvor einem
amerikanischen Angriff zur pakistanischen Grenze geflohen. Es gibtkeine
Nahrungsmittel mehr, Hilfsorganisationen mußten das Land verlassen, undnach
Berichten der BBC steht eine der schlimmsten humanitären Katastrophen derjüngsten
Zeit bevor.
An der heutigen Lage in Afghanistan war Amerika übrigens in nicht geringem
Maßebeteiligt (falls das ein Trost ist). Im Jahr 1979, nach der
sowjetischenInvasion, begannen die CIA und der pakistanische Militärgeheimdienst
ISI diegrößte verdeckte Operation in der Geschichte der CIA. Beabsichtigt
war, denafghanischen Widerstand zu steuern und das islamische Element so
weit zustärken, daß sich die muslimischen Sowjetrepubliken gegen das
kommunistischeRegime erheben und es am Ende destabilisieren würden. Diese
Operation sollte dasVietnam der Sowjetunion sein. Im Laufe der Jahre
rekrutierte und unterstütztedie CIA fast 100 000 radikale Mudschahedin aus
vierzig islamischen Ländern fürden amerikanischen Stellvertreterkrieg.
Diese Leute wußten nicht, daß sie ihrenDschihad für Uncle Sam führten.
(Welche Ironie, daß die Amerikaner ebensowenigwußten, daß sie ihre späteren
Feinde finanzierten!)
Nach zehn Jahren erbitterten Kampfes zogen sich die Russen 1989 zurück
undhinterließen ein verwüstetes Land. Der Bürgerkrieg in Afghanistan
tobte weiter.Der Dschihad griff über nach Tschetschenien, in das Kosovo und
schließlich nachKaschmir. Die CIA lieferte weiterhin Geld und Waffen, doch
die laufenden Kostenwaren so enorm, daß immer mehr Geld benötigt wurde.
Auf Befehl der Mudschahedinmußten die Bauern Opium (als
"Revolutionssteuer") anbauen. Der ISI richtete inAfghanistan
Hunderte von Heroinlabors ein, und zwei Jahre nach dem Eintreffender CIA war
das pakistanisch-afghanistanische Grenzgebiet der weltweit größteHeroinproduzent
geworden. Die jährlichen Gewinne, zwischen einhundert undzweihundert
Milliarden Dollar, flossen zurück in die Ausbildung und Bewaffnungvon
Militanten.
Im Jahr 1995 kämpften sich die Taliban, seinerzeit eine marginale Sekte
vongefährlichen Fundamentalisten, in Afghanistan an die Macht. Finanziert
wurdensie vom ISI, dem alten Freund der CIA, und sie genossen die Unterstützung
vielerParteien in Pakistan. Die Taliban errichteten ein Terrorregime, dessen
erstesOpfer die eigene Bevölkerung war, vor allem Frauen. Angesichts
derMenschenrechtsverletzungen der Taliban spricht wenig dafür, daß sich
das Regimedurch Kriegsdrohungen einschüchtern ließe oder einlenken wird,
um die Gefahr fürdie Zivilbevölkerung abzuwenden. Kann es nach allem, was
passiert ist, etwasIronischeres geben, als daß Rußland und Amerika mit
vereinten Kräften darangehenwollen, Afghanistan abermals zu zerstören?
Auch Pakistan, Amerikas treuer Verbündeter, hat enorm gelitten.
Dieamerikanischen Regierungen haben noch stets Militärdiktatoren unterstützt,
diekein Interesse an demokratischen Verhältnissen im Land hatten. Vor
demAuftauchen der CIA gab es einen kleinen ländlichen Markt für Opium.
Zwischen1979 und 1985 stieg die Zahl der Heroinsüchtigen von Null auf
anderthalbMillionen an. In Zeltlagern entlang der Grenze leben drei
Millionen afghanischeFlüchtlinge. Die pakistanische Wirtschaft liegt
darnieder. Gewaltsame sozialeKonflikte, globalisierungsbedingte
Transformationsprozesse und Drogenbossezerreißen das Land. Die Madrasas und
Ausbildungslager für Terroristen,ursprünglich eingerichtet zum Kampf gegen
die Sowjets, brachten Fundamentalistenhervor, die in Pakistan großen Rückhalt
haben. Die Taliban, von derpakistanischen Regierung seit Jahren unterstützt
und finanziert, haben in denpakistanischen Parteien materielle und
strategische Verbündete. Auf einmalbittet (bittet?) Amerika die
pakistanische Regierung, den Schoßhund, den es inseinem Hinterhof jahrelang
großgezogen hat, abzustechen. Präsident Musharraf,der den Amerikanern
Unterstützung versprochen hat, könnte sich bald mit einerbürgerkriegsähnlichen
Situation konfrontiert sehen.
Indien kann von Glück reden, daß es, dank seiner geographischen Lage und
derWeitsicht früherer Politiker, bislang nicht in dieses Great Game
hineingezogenwurde. Unsere Demokratie hätte das höchstwahrscheinlich nicht
überlebt. Heutemüssen wir entsetzt mit ansehen, wie die indische Regierung
die Amerikanerinständig darum bittet, ihre Operationsbasis in Indien statt
in Pakistan zuerrichten. Jedes Land der Dritten Welt mit einer schwachen
Wirtschaft und einemunruhigen sozialen Fundament müßte wissen, daß eine
Einladung an eine Supermachtwie die Vereinigten Staaten (ganz gleich, ob die
Amerikaner für länger bleibenoder nur kurz vorbeischauen wollen) fast so
ist, als würde ein Autofahrer darumbitten, ihm einen Stein in die
Windschutzscheibe zu werfen.
In dem Medienspektakel nach dem 11. September hielt es keiner der großenFernsehsender
für nötig, ein Wort über die Geschichte des amerikanischenEngagements in
Afghanistan zu verlieren. Für all jene, die von diesen Dingennichts wissen,
hätte die Berichterstattung über die Anschläge informativ undaufrüttelnd
sein können, wenn Zyniker sie vielleicht auch übertrieben gefundenhätten.
Für uns aber, die wir die jüngste Geschichte Afghanistans kennen, sinddie
amerikanische Berichterstattung und das Gerede von der "internationalenAllianz
gegen den Terror" einfach eine Beleidigung. Amerikas "freie
Presse" istdafür genauso verantwortlich wie der "freie
Markt".
Die bevorstehende Operation wird angeblich zur Aufrechterhaltung
amerikanischerWerte durchgeführt. Doch sie wird noch mehr Zorn und Angst in
der ganzen Welterzeugen, und am Ende dürften diese Werte völlig
diskreditiert sein. Für diegewöhnlichen Amerikaner bedeutet das, daß sie
in einem Klima schrecklicherUngewißheit leben werden. Schon warnt CNN vor
der Möglichkeit eines biologischenKrieges (Pocken, Beulenpest, Milzbrand),
der mit harmlosen Sprühflugzeugengeführt werden kann.
Die Regierung Amerikas, und wohl Regierungen überall auf der Welt, werden
dieKriegsatmosphäre als Vorwand benutzen, um Meinungsfreiheit und andereBürgerrechte
einzuschränken, Arbeiter zu entlassen, ethnische und religiöseMinderheiten
zu schikanieren, Haushaltseinsparungen vorzunehmen und viel Geld indie Militärindustrie
zu stecken. Und wozu? Präsident Bush kann die Weltebensowenig "von Übeltätern
befreien", wie er sie mit Heiligen bevölkern kann.Es ist absurd, wenn
die US-Regierung auch nur mit dem Gedanken spielt, derTerrorismus ließe
sich mit noch mehr Gewalt und Unterdrückung ausmerzen. DerTerrorismus ist
ein Symptom, nicht die Krankheit. Der Terrorismus ist in keinemLand zu
Hause. Er ist ein supranationales, weltweit tätiges Unternehmen wie
Cokeoder Pepsi oder Nike. Beim geringsten Anzeichen von Schwierigkeiten
brechenTerroristen die Zelte ab und ziehen, genau wie die Multis, auf der
Suche nachbesseren Möglichkeiten mit ihren "Fabriken" von Land zu
Land.
Der Terrorismus als Phänomen wird wohl nie verschwinden. Will man ihm aber
Fortsetzung auf Seite 51
Einhalt gebieten, muß Amerika zunächst einmal erkennen, daß es nicht
allein aufder Welt ist, sondern zusammen mit anderen Nationen, mit anderen
Menschen, die,auch wenn sie nicht im Fernsehen gezeigt werden, lieben und
trauern undGeschichten und Lieder und Kummer haben und weiß Gott auch
Rechte. Doch als derVerteidigungsminister Donald Rumsfeld gefragt wurde, was
er als einen Sieg imneuen amerikanischen Krieg bezeichnen würde, meinte er,
ein Sieg wäre, wenn erdie Welt davon überzeugen könne, daß es den
Amerikanern möglich sein müsse, anihrem way of life festzuhalten.
Die Anschläge vom 11. September waren die monströse Visitenkarte einer aus
denFugen geratenen Welt. Die Botschaft könnte, wer weiß, von Usama Bin
Ladinstammen und von seinen Kurieren übermittelt worden sein, aber sie könntedurchaus
unterzeichnet sein von den Geistern der Opfer von Amerikas altenKriegen.
Die Millionen Toten in Korea, Vietnam und Kambodscha, die 17 500 Toten,
alsIsrael (mit Unterstützung Amerikas) 1982 im Libanon einmarschierte, die
200 000Iraker, die bei der Operation Wüstensturm starben, die Tausenden Palästinenser,die
im Kampf gegen die israelische Besetzung des Westjordanlands den Tod
fanden.Und die Millionen, die in Jugoslawien, Somalia, Haiti, Chile,
Nikaragua, ElSalvador, Panama, in der Dominikanischen Republik starben,
ermordet von all denTerroristen, Diktatoren und Massenmördern, die
amerikanische Regierungenunterstützt, ausgebildet, finanziert und mit
Waffen versorgt haben. Und dieseAufzählung ist keineswegs vollständig. Für
ein Land, das an so vielen Kriegenund Konflikten beteiligt war, hat Amerika
außerordentlich viel Glück gehabt. DieAnschläge vom 11. September waren
erst der zweite Angriff auf amerikanischemTerritorium innerhalb eines
Jahrhunderts. Der erste war Pearl Harbor. DieRevanche dafür endete, nach
einem langen Umweg, mit Hiroshima und Nagasaki.Heute wartet die Welt mit
angehaltenem Atem auf den Schrecken, der unsbevorsteht.
Unlängst sagte jemand, daß, wenn es Usama Bin Ladin nicht gäbe, die
Amerikanerihn erfinden müßten. In gewissem Sinne haben sie ihn tatsächlich
erfunden. Ergehörte zu den Kämpfern, die 1979 nach Afghanistan gingen, als
die CIA mit denOperationen begann. Usama Bin Ladin zeichnet sich dadurch
aus, daß er von derCIA hervorgebracht wurde und vom FBI gesucht wird.
Binnen zweier Wochenavancierte er vom Verdächtigen zum Hauptverdächtigen,
und inzwischen will manihn, trotz des Mangels an Beweisen, "tot oder
lebendig" haben.
Nach allem, was über seinen Aufenthaltsort bekannt ist, könnte es
durchausmöglich sein, daß er die Anschläge nicht persönlich geplant hat
und an derAusführung auch nicht beteiligt war - daß er vielmehr der führende
Kopf ist, derVorstandsvorsitzende des Unternehmens. Die Reaktion der Taliban
auf dieamerikanische Forderung, Bin Ladin auszuliefern, war ungewöhnlich
realistisch:Legt Beweise vor, dann händigen wir ihn euch aus. Präsident
Bush erklärte seineForderung für nicht verhandelbar. (Da gerade über die
Auslieferung vonVorstandsvorsitzenden gesprochen wird - dürfte Indien ganz
nebenbei um dieAuslieferung von Warren Anderson bitten? Der Mann war als
Chef von Union Carbideverantwortlich für die Katastrophe von Bhopal, bei
der sechzehntausend Menschenumkamen. Wir haben die nötigen Beweise
zusammengetragen, alle Dokumente liegenvor. Also gebt ihn uns bitte!)
Wer ist Usama Bin Ladin aber wirklich? Ich möchte es anders formulieren:
Was istUsama Bin Ladin? Er ist das amerikanische Familiengeheimnis. Er ist
der dunkleDoppelgänger des amerikanischen Präsidenten. Der brutale
Zwilling allesangeblich Schönen und Zivilisierten. Er ist aus der Rippe
einer Welt gemacht,die durch die amerikanische Außenpolitik verwüstet
wurde, durch ihreKanonenbootdiplomatie, ihr Atomwaffenarsenal, ihre unbekümmerte
Politik derunumschränkten Vorherrschaft, ihre kühle Mißachtung aller
nichtamerikanischenMenschenleben, ihre barbarischen Militärinterventionen,
ihre Unterstützung fürdespotische und diktatorische Regimes, ihre
wirtschaftlichen Bestrebungen, diesich gnadenlos wie ein Heuschreckenschwarm
durch die Wirtschaft armer Ländergefressen haben. Ihre marodierenden
Multis, die sich die Luft aneignen, die wireinatmen, die Erde, auf der wir
stehen, das Wasser, das wir trinken, unsereGedanken.
Nun, da das Familiengeheimnis gelüftet ist, werden die Zwillinge allmählich
einsund sogar austauschbar. Ihre Gewehre und Bomben, ihr Geld und ihre
Drogen habensich eine Zeitlang im Kreis bewegt. (Die Stinger-Raketen, die
die amerikanischenHubschrauber begrüßen werden, wurden von der CIA
geliefert. Das Heroin, das vonamerikanischen Rauschgiftsüchtigen verwendet
wird, stammt aus Afghanistan. DieRegierung Bush ließ der afghanischen
Regierung unlängst 43 Millionen Dollar zurDrogenbekämpfung zukommen.)
Inzwischen werden sich die beiden auch in derSprache immer ähnlicher. Jeder
bezeichnet den anderen als "Kopf der Schlange".Beide berufen sich
auf Gott und greifen gern auf die Erlösungsrhetorik von Gutund Böse zurück.
Beide sind in eindeutige politische Verbrechen verstrickt.Beide sind gefährlich
bewaffnet - der eine mit dem nuklearen Arsenal des obszönMächtigen, der
andere mit der glühenden, zerstörerischen Macht des absolutHoffnungslosen.
Feuerball und Eispickel. Keule und Axt. Man sollte nur nichtvergessen, daß
der eine so wenig akzeptabel ist wie der andere.
Präsident Bushs Ultimatum an die Völker der Welt - "Entweder ihr seid
für uns,oder ihr seid für die Terroristen" - offenbart eine
unglaubliche Arroganz. KeinVolk will diese Wahl treffen, kein Volk braucht
diese Wahl zu treffen und keinessollte gezwungen werden, sie zu treffen.
Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.09.2001, Nr.
226 / Seite 49
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