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Von
Indien nach Kassel
"Die Verlagssuche ist absurd und
anstrengend"
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Im
Interview.
Schriftsteller Anant Kumar |
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Geboren
1969 im indischen Bundesstaat Bihar wurde der Schriftsteller
Anant Kumar. Bereits früh interessierte er sich für
deutsche bzw. deutschsprachige Literatur, und so zog es ihn
zum Germanistikstudium ins deutsche Kassel, wo er über
Alfred Döblins Epos "Manas" seine Magisterarbeit
schrieb und seither unermüdlich an literarischen Werken
schreibt und die Bundesrepublik mit seinen Lesungen bereist.
Persönliche Erfahrungen aus der Kindheit und dem Alltag
prägen den Inhalt seiner Veröffentlichungen. Im Rahmen der
diesjährigen Frankfurter Buchmesse mit Fokus Indien hielt
er Lesungen, für theinder.net hat Kumar, der zu den wenigen
indischstämmigen Schriftstellern in Deutschland gehört,
bereits eine Vielzahl von Texten verfasst. Einer von vielen
Gründen, Anant Kumar nun auch einmal persönlich zu
befragen.
Herr Kumar,
wie kommt man in Indien auf die Idee Germanistik zu studieren?
Bevor ich als 21-Jähriger in Deutschland mit dem Literaturstudium, meiner Leidenschaft, begann, hatte ich schon solide Sprachkenntnisse in Indien erworben. Ich fing zwar spät an, mit 17 Jahren Deutsch am Goethe-Institut Delhi zu lernen, jedoch desto intensiver. Anschließend absolvierte ich ein dreijähriges Bachelor-Studium, im Hauptfach Deutsch und im Nebenfach Französisch, an der Nehru-Universität Delhi.
Warum nach Delhi aus dem weiten
Bihar?
Nach der zehnten Klasse verließ ich meine
Heimat und besuchte die nächsten Schuljahre in einer besseren Schule im Nachbarbundesland Uttar Pradesh. Die Unterschiede waren deutlich:
bessere Bildung, gute funktionierende Bibliothek, zahlreiche Sportarten, Studenten- und Schülerclubs. Neu-Delhi ist das Mekka der indischen
Bildungshungrigen! Wie sind Sie zum Schreiben gekommen und was inspiriert Sie? Haben Sie Vorbilder?
(überlegt einen kurzen
Moment) Schon als Schüler habe ich die ersten Versuche gemacht, indem ich Geschehnisse meiner Umgebung literarisch zu verarbeiten versuchte. Während meiner Studiumszeit in Deutschland habe ich regelmäßig Gedichte, Kurzprosa und Buchbesprechungen in Literaturmagazinen veröffentlicht. Diese Praxis wurde im Laufe der Zeit intensiver, und ich traf die schwere und schöne Entscheidung, nach dem Studium meine Leidenschaften
"Lesen, Nachdenken und Schreiben“ in eine Berufung zu verwandeln.
Ich versuche meinen eigenen Stil weiter zu entwickeln, weiter zu vertiefen. Jedoch gibt es
Autor/innen, deren Werke ich wiederholt lese: Hölderlin, Kleist, Kafka, Kawabata (Yasunari), Döblin, Bernhard, Jelinek, Droste Hülshoff, Mishima, Tagore, Rushdie, Dostojewskij, Tolstoj und viele mehr.
Wo fühlen Sie sich zu Hause? Räumlich und literarisch? In Deutschland oder Indien?
Ich bin ein deutschsprachiger Schriftsteller indischer Herkunft, der die beiden Kulturen bzw. Gesellschaften als seine eigene betrachtet. Ich schöpfe meine Themen, Stoffe und Motive vorrangig aus beiden Kulturen.
Mit Ihrem Buch "Zeru" haben Sie im letzten Jahr eine längere
Geschichte veröffentlicht, Ihre Bücher davor waren eher Kurzgeschichten. Wann kommt der erste
große Roman von Anant Kumar?
Ich habe bis jetzt völlig unterschiedliche Einzelbücher veröffentlicht. Lyrik:
"Fremde Frau - Fremder Mann“, Lyrik und Skizzen:
"Kasseler Texte", Prosa: "Die Inderin“, Essays und Satiren:
"Die galoppierende Kuhherde“. Darüber hinaus noch Erzählungen, Grotesken und Glossen und der Roman
"Zeru“. Ich arbeite zur Zeit an einem längeren Werk, circa 300 Seiten, dessen Titel ich Euch hiermit verrate
(grinst): "Down Town Germany, wo die Welt anfängt"
Das klingt
interessant. In Kürze sollen zudem die Taschenbücher "Indien: Süß" und "Indien: Sauer" erscheinen, stimmt das?
Ja, die beiden Bände sind inzwischen im Buchhandel angekündigt und
wurden im Vorspann der Frankfurter Buchmesse 2006 am 29. September in der Hessischen Landesbibliothek, Wiesbaden, vorgestellt.
"Indien: Süß“ beinhaltet poetisch-literarische Essays und mythische Gedichte
"Indien: Sauer“ ist ein Misch aus scharfzüngiger Reportage, kritischen Aufsätzen und heiterer Lyrik. In Ihren Kurzgeschichten verarbeiten Sie oft oder ausschließlich
persönliche Erlebnisse und Anekdoten, etwa Ausländerfeindlichkeit oder
Angst vor Fremdem. Spiegelt das den tatsächlichen Alltag in
Deutschland wider oder halten Sie Ihre Erlebnisse für Einzelfälle?
In diesem Zusammenhang interessiert mich, ob Sie Deutschland
für ein ausländerfreundliches Land halten und warum die Offenheit
hierzulande noch nicht so stark ausgeprägt wie beispielsweise in USA
oder in England ist.
(überlegt) Das mag eventuell einen Bruchteil meiner Texte betreffen. Ich schreibe nur dann, wenn ich von meiner Intuition oder von einer Begebenheit in meinem Umfeld ergriffen werde. Der Text muss für mich zuerst eine bissige Satire, ein erfrischender Essay oder ein gelungenes Gedicht sein. Wenn einem gesellschaftskritischen Text diese Merkmale fehlen, lege ich ihn weg.
Zum zweiten Teil Ihrer Frage: Wie in manchen anderen Ländern müssen wir in Deutschland auch die Ausländerfeindlichkeit bekämpfen. Ich kann keine soziologischen Vergleiche ziehen. Es ist uns allen klar, dass
"Fremder“ und "Fremden“ unmittelbar zum Deutschen gehören. Die Mehrheit der anders aussehenden Menschen sind weder Touristen noch Gastarbeiter in der BRD.
Was möchten Sie mit Ihrer Literatur bewegen?
Erstrangig schreibe ich für meine eigene seelische, psychische und ästhetische Freude. Es ist ein zusätzliches Glücksgefühl, dass ich mit meinen Texten kultur- und
generationsübergreifende Leser erreiche, die sich für meine Bücher Zeit nehmen.
Die Frankfurter Buchmesse
war das literarische Großereignis des Jahres, das Indien in
den Mittelpunkt stellte. Waren Sie vor Ort mit Lesungen aktiv?
ich war mit zwei Lesungen ins Rahmenprogramm
eingebettet. Am 29. September im Rahmen der Hessische
Literaturtage in der Landesbibliothek Wiesbaden und am 30.
September im Salon Franco in Frankfurt.
Sie halten Lesungen auch an ungewöhnlichen Orten ab, wie kam es dazu?
Lesungen sind für mich sehr wichtig, weil ich die Texte gerne vorlese: Es gibt gewisse Texte, die sich gerade durch das Vorlesen immer wieder neu erschließen lassen. Es ist für mich eine große Anerkennung, dass ich zahlreiche Lesungen für die unterschiedlichen Leserkreise, Senioren, Studenten, Jugendliche und Kinder wahrnehmen darf. Die bescheidenen Gagen tragen auch zur schriftstellerischen Existenz bei
(schmunzelt). Jede Lesung ist ähnlich und zugleich anders, und ich gehe aus jeder Veranstaltung klüger raus.
Wie läuft das
eigentlich mit dem Veröffentlichen? Sie waren doch am Anfang
noch Germanistikstudent und völlig unbekannt. Wie bringt man einen
Verleger dazu ein Buch von sich herauszugeben?
Die Verlagssuche ist absurd und anstrengend. Die renommierten Großverlage veröffentlichen dem Markt bzw. Umständen entsprechend ein wenig
"Literatur“ und vielmehr "Futter“. Da ich regelmäßig für Literaturmagazinen schrieb und schreibe, finde ich immer wieder mittelgroße Verlage, die meine Bücher ohne Druckkostenzuschuss oder Pflichtabnahme drucken.
Herr Kumar,
ich bedanke mich für dieses Gespräch.
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