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Rohinton Mistry
Die Quadratur des Glücks
Allein an den Preisen betrachtet, die
Rohinton Mistry, 1952 in Bombay geboren, für seine
Bücher bereits erhalten hat, so entlocken sie ein
ehrfürchtiges Nicken: den kanadischen Staatspreis
für "Das Gleichgewicht der Welt" und den
Commonwealth-Preis für "So eine lange
Reise." Und nun ist er mit seinem neuen Roman
"Die Quadratur des Glücks" für den
renommierten Booker Prize nominiert und hat die besten
Chancen ihn auch einzuheimsen. Doch trotz dieser
vielfältigen Auszeichnungen zählt Mistry immer noch
zu den Geheimtipps bei den deutschen Lesern.
"Die Quadratur des Glücks"
spielt im heutigen Bombay und im Mittelpunkt steht die
Familie Vakeel. Der Vater, ein ehemaliger Professor,
ist an Parkinson erkrankt und nach einem Unfall
fühlen sich seine beiden Stiefkinder Jal und Coomy
nicht mehr in der Lage ihn zu pflegen. Um ehrlich zu
sein, sie haben einfach keine Lust mehr, sich um den
alten Mann zu kümmern. So wird er mit vielen Ausreden
an seine Tochter Roxana abgeschoben. Während Jal und
Coomy zusammen mit dem Vater in einer großzügigen
Wohnung zu Hause sind, erweisen sich die beiden
Zimmer, die Roxana mit ihrem Ehemann und den beiden
kleinen Söhnen zur Verfügung stehen als von Anfang
an mehr als beengt. Roxanas gutes Herz siegt und sie
lädt sich die Pflege des Vaters ohne Murren
zusätzlich auf, auch wenn das ganze Familienleben
dadurch bis an die Grenze des Zumutbaren belastet
wird, denn die finanziellen Mittel sind an allen Ecken
zu knapp.
Die Vakeels gehören der Minderheit der
Parsen an und Mistry erzählt nicht nur klar und
eindringlich den indischen Alltag, sondern sehr genau
betrachtet er den Einfluss der Religion, dem sich kein
Familienmitglied entziehen kann, selbst wenn es nicht
religiös ist.
Die fortschreitende Demenz Narimans
erleichtert die Situation nicht gerade, und so kommt
es zu unschönen Szenen und kränkenden Worten, die
nicht mehr zurück genommen werden können. Mistry
gelingt das Kunststück, einen extrem Nahe an das
Geschehende herankommen zu lassen, man fühlt die Enge
der Zimmer, riecht den Geruch von Zuckerwerk, der von
der Strasse herauf weht, die nasse Wäsche auf den
Leinen, der Lärm und so weiter, beim Lesen empfand
ich mich nicht mehr als nur Außenstehender, und das
hat mir wirklich sehr gut gefallen.
Dabei wirkte
auch der politische Hintergrund, vor dem Rohinton
Mistry seine Figuren auftreten lässt, bedrohlich
nahe, geradezu greifbar. Das Aufkommen der Radikalen
Hindupartei BJP schildert er gewohnt kritisch und
nicht selten mit spitzer, ironischer Feder, was dem
ganzen dann doch irgendwie den Dorn herauszieht, wobei
es sogar zu einigen komischen Einlagen kommt. Und ganz
zum Schluss dann, nachdem ein Geheimnis gelüftet
wird, Heuchelei verschwindet und Platz für
Ehrlichkeit schafft, da finde ich, wird Mistry am
besten, und es ist schade, daß es absehbar vorbei
ist, hinter dem letzten Blatt kommt nur noch der
Buchdeckel.
Fest steht jedenfalls, die Probleme in
den Familien mit alternden Eltern und deren Kindern
sind weltweit überaus ähnlich.
Rohinton Mistry:
"Die Quadratur des Glücks"
Krüger Verlag, Frankfurt/ Main 2002 - 24,90 Euro
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