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LESERBEITRAG

von Sinthu T. Karthikapallil

Einheit in der Vielfalt - gibt es ein Indien?

"Indien - ist sowenig ein Land wie der Äquator", behauptete einst Winston Churchill.

In der Tat findet man auf diesem Erdfleck namens Indien Menschen jeder ethnischen Herkunft, Religion und Sprache - und das in einem unglaublichen Spektrum an Topographie und Klima, Gewohnheiten und Bräuchen, wirtschaftlichen Entwicklungsstufen und Kochstilen.

Indien könnte mit einiger Berechtigung den Status eines Kontinents beanspruchen.

Denn nicht nur die geographischen Gegebenheiten seines 3,287,590 km² umfassendenden bewohnten und nichtbewohnten Staatsgebietes trennen Indien vom Rest der Welt.
Von seiner gebirgigen Nordgrenze bis zur südlichsten Spitze, dem beliebten Ausflugsziel Kanniyakumari, umgeben von Wasser, einer immensen Küstenlinie (~ 7000 km) entsprechend, beherbergt Indien auch ökologische Extreme auf dem Hauptland wie die Wüste Thar in Rajastan, die weltgrößte Fläche an Eis und Schnee außerhalb der Polargebiete, die dichtbewaldeten Hügel Assams bis hin zu den backwaters in Kerala.
Sprachlich-kulturell stehen die Inder dieser Varianz in nichts nach.
Von den in der indischen Verfassung anerkannten 17 Sprachen mit jeweils eigener Schrift und Grammatik und den daneben existierenden 22.000 Dialekten genießt keine einzige einen Mehrheitsstatus im Lande.

Auch in bezug auf die Religion stellt sich Indien als ein Land der vielen Minderheiten dar. Die Geburtsstätte von 4 großen Religionen bietet Heimat für etwa 700 Mio. Hindus, 150 Mio. Muslime, 21 Mio. Christen, 17 Mio. Sikhs, 11 Mio. Buddhisten und Jainisten, daneben für 70 Mio. Stammesangehörige, ½ Mio. Parsen (zoroastrischen Glaubens), einige Juden, Atheisten etc.

Indiens Pluralismus spiegelt sich also auch in seiner Vielfalt von Religionen wider, von denen keine einzige staatlich privilegiert ist.
Eine Bereitschaft zum Wandel lässt sich anhand der Betrachtung des hinduistischen Glaubens verfolgen, die einerseits ein positives Umdenken hervorgebracht hat, andererseits jedoch Gefahren für die Gegenwart und Zukunft birgt.
An und für sich stellte sich der Hinduismus von den anderen großen Weltreligionen als diejenige heraus, die nicht den Anspruch erhob, die einzig wahre Religion zu sein. Es gibt keine verpflichtenden Rituale, keine zwingenden Dogmen, keine organisierte Kirche.
Der Hinduismus hält viele Glaubenswege für gleichermaßen wertvoll. 
Der Religionsphilosoph Madhavacharya definierte in seiner Abhandlung Sarva darshana samghra 16 verschiedene Richtungen des hinduistischen Glaubens fest. Es finden sich durchaus auch Hindus, die die sakralen Gegenstände und Heiligen anderer Glaubensrichtungen verehren.
Ein Ruck ging durch die Gesellschaft, als Gandhi erfolgreich seinen Feldzug gegen das Kastensystem antrat. Sein Traum von einer kastenlosen Gesellschaft wurde durch Dr. B. R. Ambedkar, selbst ein Unberührbarer, durch Verankerung in der indischen Verfassung verwirklicht.
Das Stigma der Kaste ist zumindest in indischen Städten anderen Faktoren der Ungleichheit, wie Ausbildung und wirtschaftliche Lage gewichen.
Indiens Säkularismus ist seit jeher ein besonderes Phänomen. Mit Säkularismus ist entgegen westlicher Definition nicht die Abwesenheit, sondern eben die einzigartige Überfülle an Religionen im Staate gemeint. In Indien wurde die Trennung von Religion und Politik ohne weiteres akzeptiert.

Heutzutage findet man hingegen ein pervertiertes Bild: Aus der einstigen säkularen Koexistenz entwickelte sich regressiv ein Kommunalismus, ein Denken in Kategorien, eine falsche Einteilung der Gesellschaft in "wir" und "sie".
Die Religion rückt wieder ins Zentrum des politischen Interesses, insbesondere im Machtpoker um die Stimme des indischen Bürgers.
Dieser Wandel könnte mit der Einstellung einiger indischer Muslime zusammenhängen, die sich durch das Trauma der Teilung einem gesteigerten Gefühl ihres Minderheitenstatus ausgesetzt zu sehen scheinen.
Zum Teil als Reaktion auf die muslimische Aktivität und auf militante Sikhs formierte sich die Bewegung der Hindutva, eine "fundamentalistische" Massenmobilisierung ohne Berücksichtigung der Tatsache, dass im Hinduismus Absolutheitsforderungen fehlen. Die Hindutva möchte als riesiger banyan-Baum emporragen, in dessen Schatten keine andere Pflanze gedeihen kann.
Nährboden für das Vorgehen der Hindutva-Anhänger bot aber der indische Staat mit seinen großzügigen Konzessionen für religiöse Minderheiten, nicht nur für ihre Funktion als religiöse, sondern auch als soziale Gemeinschaft. So wurde den jeweiligen Religionsführern die Auslegung des "personal law" (Familienrecht) überlassen und die Errichtung strikt religiöser Schulen gestattet.
Dem nach-gandhischen Indien kann man andererseits die günstigeren Konditionen für die sozial benachteiligten Gruppen, sogenannte "scheduled castes and tribes", zugute halten. Auf diesem Wege blieben diesen der Zugang zu Schulen und eine Vertretung im Parlament nicht verwehrt.
Relativ neu im staatlichen Gleichberechtigungsprogramm sind die OBC, "other backward classes", die aufstrebende untere Mittelschicht, 1980 von der Mandal-Kommission unterstützt und heute mehr oder weniger erfolgreich umgesetzt.
Die Reservierung von Arbeitsplätzen für sozial benachteiligte Gruppen wurde somit auf 
49,5 % gesteigert.
Die sich hieraus ergebende Prämisse äußert sich erst jetzt, über 50 Jahre nach Gandhi: die Töchter und Söhne reicher und mächtiger Anführer der registrierten Kasten sind dank ihrer Kastenzugehörigkeit die Nutznießer der staatlichen Gleichberechtigungspolitik, fragwürdig insbesondere in Hinblick auf Studienplätze - um eine Benachteiligung auszugleichen, die diese persönlich nie erlebt haben.
Dennoch darf diese scheinbar negative Bilanz nicht den Blick für den politischen Wert dieses Programms trüben. Eine derart umgesetzte Gerechtigkeit und Repräsentation ermöglichte den unteren Kasten, ihre numerische Stärke auszunutzen, um in der Politik mitzubestimmen. Es ist durchaus angebracht, in diesem Zusammenhang von einer politisch geführten sozialen Revolution zu sprechen.
Ein schlechter Nachgeschmack bleibt durch die dadurch bedingte wiederauflebende Zunahme des Kastenbewusstseins in der indischen Gesellschaft, die der Soziologe André Béteille als "positive Diskriminierung" bezeichnete.
Die größte Demokratie der Welt sieht sich vor neue Herausforderungen gestellt. Wie so oft steht Indien vor zwei völlig gegenläufigen Entscheidungsmöglichkeiten. Politisch und wirtschaftlich bedeutet dies entweder Zentralismus oder Föderalismus, Parlamentarismus oder Präsidialsystem, Pluralismus (und damit Absolution von radikalen Gruppen) oder Fundamentalismus, Globalisierung oder Selbstständigkeit.

In Indira Gandhi fand Indien eine starke, selbstbewusste Premierministerin, die es verstand, die ihr anvertraute Macht zentralistisch zu bündeln. Nach ihrer Amtsperiode folgte eine Zeit der fragmentierten Macht, der Koalitionsherrschaft und des politischen Föderalismus. 
Im heutigen Indien ergeben sich Bedenken gegen eine Dezentralisierung. Dennoch ist im demokratisch-pluralistischen Indien ein gewisser Grad an regionalistischem Interesse unvermeidlich, aber durchaus öffentlich äußerbar.
Interessanterweise ist der indische Föderalismus in der Praxis stärker zentralisiert als in der Verfassung verankert.
Die Allgegenwart der Nationalparteien, d.h. der überregionalen Vertretung mit Führungsspitze in Delhi äußert sich v. a. bei der "Wahl" des chief ministers der jeweiligen Bundesstaates, der mit Ausnahme einer "Regional"-Partei (ohne überregionale Direktion) durch die Führung in Delhi eingesetzt wird.
Art. 356 der indischen Verfassung sieht eine Entlassung bzw. Einsetzung durch die Zentralregierung nur dann vor, wenn die sich im Amt befindliche Regierung scheitert. Eine Regelung, die nach der Amtszeit Nehrus und insbesondere unter unserer "eisernen lady" Indira Gandhi oft dazu missbraucht wurde, sich unliebsamer Gegner zu entledigen.
Ein nicht von der Hand zu weisender Vorteil einer stärker zentrifugal orientierten Struktur besteht in der gesteigerten Verantwortung der jeweiligen Bundesländer für ihr eigenes Schicksal.
Nicht zu leugnen ist jedoch das sich durch die Regionalinteressen entwickelnde Risiko der Unregierbarkeit im Zentrum Indiens, einer "Kommunalpolitik auf nationaler Ebene" (Ramakrishna Hegde).

Der indische Glauben an ein parlamentarisches System findet seinen architektonischen Ausdruck in der Nachbildung der Houses of Parliament. Es kommt allerdings langsam eine Zeit, in der sich die Inder fragen müssen, ob ein solches System der Abweichungen und Fraktionsbildung den Anforderungen einer derart gigantischen pluralistischen Demokratie, die ihre größte Stärke darstellt und gleichzeitig viele Schwächen offenbart, gewachsen ist.
Die Problematik des indischen Parlamentarismus ergibt sich aus der Wahl von Legislatoren, die die Tendenz zur Exekutivgewalt entwickeln. Weitergehend scheint er Quell des sich ewig ausbreitenden Sumpfes der Korruption im indischen Machtdschungel zu sein. Zum einen in der Peripherie der Bundesstaaten, um sich den Platz an der Sonne leisten zu können und zum anderen im Zentrum der Führungsspitze, um die dringend benötigten Rupien für nationale wie auch regionale Wahlkampagnen aufzutreiben.
Die politischen Parteien sind wohl zudem einen Funktionswechsel eingegangen. Von ihrem eigentlichen Sinn der politischen Meinungsbildung eher abgerückt ließ die Vergangenheit erkennen, dass jene die politische Praxis eher missen lassen - eine Tatsache, die sie nur allzu oft mit politischen Ideologien zu kaschieren versuchten.
Dies alles spricht für die Errichtung eines Präsidialsystems. Ein direkt gewähltes Staatsoberhaupt entspräche einer strikten Trennung der Legislative von der Exekutive. Ein ebenfalls direkt dem Volkswillen ergebener chief minister in jedem Bundesland würde den indischen Föderalismus stärken und die staatsferne Bürokratie des Zentrums in die Schranken weisen.

Konflikte treten in jeder verschiedenartig zusammengesetzten Gesellschaft auf. Die Frage, die sich stellt, ist, ob das Land elastisch genug gegen fundamentalistischen Widerstand ist. 
Die Situation in Indien klärt sich mit Blick auf divergierende Einflüsse in Form von zwei Parteien. 
Obwohl das separatistische Potenzial von Jinnahs Muslim League durch die Spaltung des Landes seinen Schatten auf das unabhängige Indien warf, wurde von Seiten der Regierung nichts gegen die restliche Gruppierung unternommen, die daraufhin weiter politisch aktiv blieb und sich sogar mit der Kongresspartei verbündete.
Im Süden Indiens formierte sich - auch als Reaktion auf den Versuch, Hindi als Nationalsprache durchzusetzen - die DMK (Dravida Munnetra Kazhagam) in Tamil Nadu. Ein großer Verdienst Indiens ist die dann erfolgte Eingliederung dieser einstigen Separatistenbewegung in den Staat als reguläre Partei.
Der indische Staat beweist also gelegentlich seine Integrität, vielleicht nicht auf konventionellem Wege, sondern indem sie die Minderheiten unterstützt und auf diese Weise deren Radikalität absorbiert. Durch diese enorme Integrationsleistung derer, die den Staat einst als Feind fürchteten, zeichnete sich auf Dauer ein Erfolg für den nationalen Konsens ab.

Auch Indien muss sich nach außen hin öffnen - exportieren, um Investitionen aus dem Ausland zu ermöglichen. Dass man aber bei der um sich greifenden Globalisierung schlichtweg von einer Bedrohung durch hegemoniale Interessen des Westens ausgehen muss, ist wohl nicht anzunehmen. Stattdessen ist durchaus denkbar, dass indische Äquivalente zu westlichen Markenartikeln bereits existieren - und neben einer diskussionswürdigen Frage nach indischer Qualität bestimmt mit einer kostengünstigeren Inlandsvariante gegen die ausländischen Konkurrenten bestehen könnte.
Nur ein Bruchteil der indischen Gesellschaft lässt sich bereitwillig von Revlon, Pizza Hut und Coca Cola überschwemmen, doch wird der geöffnete Markt vielen Ambassador fahrenden, Thumps up-trinkenden, nach Chandrika - soap duftenden Indern neue Arbeitsplätze bieten.
Das postkoloniale Indien hat verständlicherweise zunächst mit Misstrauen auf ausländische Investoren reagiert. Ökonomische Autarkie war fester Bestandteil des gesamtindischen Unabhängigkeitskonzepts. 
Gandhis Verlangen nach svaraj (Unabhängigkeit) und satyagraha (aktive Verweigerung der Kooperation, eigentlich Wahrheitskraft, auch passiver Widerstand genannt) spiegelten das soziopolitische Innenleben des damals noch nicht existenten Indiens wider. Auch der von Gandhi geprägte Begriff der svadeshi lässt sich nur im imperialistischen Kontext verstehen.
Svadeshi bezeichnet die Rückkehr zur idealisierten, reinen Dorfgemeinschaft. Dieser strikt auf das sich drehende chakram (Spinnrad) gerichtete Blick trug dazu bei, die Flut britischer Erzeugnisse auf dem indischen Markt einzudämmen.
Auch Indiens 1. Premierminister Jawaharlal Nehru war kein Freund des indischen Kapitalismus. Wie viele in England ausgebildeten Inder faszinierten ihn die Vorstellungen des Fabianismus. Das scheinbar erfolgreiche gigantische Modell der UdSSR wirkte wie ein nachahmungswürdiges Projekt.
Nehrus Tochter Indira Gandhi regierte mit Unterstützung von Sozialisten. Zudem prägte sie unglaublicher Stolz, in dem Jahr der russischen Revolution geboren zu sein. Ihr vom Vater gelerntes Misstrauen gegenüber dem Westen äußerte sich in ihrer Linksstrategie im eigenen Land.
Erst Indira Gandhis Sohn Rajiv wandte sich modernen Konzepten der Liberalisierung und der Technologie zu. In Jeans und T-shirt gekleidet war er nicht nur äußerlich ein weltoffener Mensch. 
Indien ist heute zwar in Bewegung, kann jedoch die Krallen gesunden Wettbewerbs aufgrund von chronischen Steuerdefiziten, Mängeln in der Infrastruktur, Inflation und Arbeitslosigkeit nur bedingt ausfahren. Es gilt lähmende Bürokratie und Korruption zu beseitigen sowie Wege für Investitionen zu bahnen, wenn nötig staatlich subventioniert. Für jede Art von Reform ist es absolut essentiell, Murali-Normalverbraucher zu erreichen und auch zu involvieren, damit die politische und psychologische Unterstützung von Seiten der breiten Masse gegeben ist.
Dies betont wieder einmal die Einzigartigkeit, ja das Wunder der indischen Demokratie, die nicht als eine Sache der Elite von oben herabschaut, sondern von den gewöhnlichen Menschen getragen wird.
Neben diesen offensichtlichen Debatten um das Wohlergehen der indischen Wirtschaft ist wohl ein weiterer Faktor nicht zu vernachlässigen: Indiens beachtliche Bevölkerungszahl von 1033 390 Mio., an zweiter Stelle hinter China, doch mit einer stärkeren jährlichen Wachstumsrate (2,1%) bei gleichzeitig sinkender Mortalität, bedingt durch Verbesserung in der Gesundheitsfürsorge.
Es resultieren bekanntermaßen ernährungspolitisch schwerwiegende Folgen, zudem bedenkliche Knappheit an Wasserressourcen, Ausbildungsplätzen und Versorgung durch das Gesundheitssystem.

Oft vergessen wird die ökologische Brisanz der steigenden Bevölkerungsdichte: schon jetzt werden zunehmend Wälder abgeholzt, Straßen gebaut, weite Flächen erodiert.
Mit Sicherheit war Indien 1952 bevölkerungspolitisch einer der Vorreiter. Doch die staatlichen Aufklärungskampagnen konnten nicht überall im Lande fruchten. Erfolgreich waren sie im stark alphabetisierten Kerala, wo heutzutage 1- bis 2-Kinder-Familien die Regel sind.
Der nationale Alphabetisierungsgrad liegt jedoch nur bei etwa 52%, davon unverhältnismäßig viele Frauen. In einer Verbesserung der Situation der Frauen im heutigen Indien inklusive Entscheidung über Fortpflanzung sowie erleichtertem Zugang zum Bildungs- und Gesundheitswesen liegt der Schlüssel zu einem Wandel, der die Geburtsstunde eines wirtschaftlich starken und bevölkerungspolitisch sicheren Indien sein könnte. Was sind nun weitere (Heraus)forderungen an die "größte Demokratie der Welt"?
Erstens, ihre Vergangenheit vollständig zu verarbeiten, um wirtschaftlich und politisch zuversichtlich der Zukunft begegnen zu können. Indien hat den Imperialismus überwunden und muss sich über ein halbes Jahrhundert danach seiner Unabhängigkeit sicher genug sein - ohne jegliche Städtenamen umzubenennen oder ausländische Investitionen zu attackieren. Dazu müssen Indiens Tore geöffnet werden und im Innern Reformbereitschaft bestehen.
Zweitens, die gegenwärtige Lage im Land mit all ihrem innenpolitischen Giemen und Brummen zu akzeptieren. Indien entspricht einem mixed masala, der Pluralismus ist nicht zu leugnen. Im Gegensatz zur britischen Herrschaft des divide and rule gilt nun die Devise unite and live. Indiens Einheit in der Vielfalt kann nur dann fuktionieren, wenn man sich auf das Gemeinsame besinnt und das Divergierende vernachlässigt. Ein Malayalee kann denselben hinduistischen Glauben wie ein Panjabi haben und dennoch für dieselben regionalen Interessen wie sein muslimischer Nachbar in Kerala eintreten.
Für jeden Inder ergibt sich demnach ein Spektrum an Eigenschaften, die er in die Gesellschaft einbringen kann. Diese individuelle Integration ist insofern von drastischer Bedeutung, da sonstige Vereinigungsfaktoren im Sinne einer sprachlichen, religiösen oder ethnischen Zusammenfassung als Nation unter allgemeingültigen Gesichtspunkten in Indien nicht greifen.
Drittens, ein neues übergreifendes Nationalbewusstsein zu kreieren. Eine zukünftige Definition, was es bedeutet, "indisch" zu sein, die sich auch Auslandsindern nicht verwehrt.
In Indien mehr als nur die Summe der Gegensätze, sondern den Traum, die Idee, die Vision einer indischen Nation zu erkennen.

Renan hielt das Prinzip einer Nation für ein "geistiges". Oft werde eine Nation durch einen gemeinsamen Feind zusammengehalten, im Falle Indiens entspricht dies einem inneren Feind, der durch die sektiererischen und radikalen Elemente in der Gesellschaft sein Gesicht zeigt - ihn zu kontrollieren, ist eine gemeinschaftliche Aufgabe.
Jede Minderheit in Indien hat nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn sie sich zuallererst als Inder und erst dann als Minderheit wahrnehmen, die den Weg bis zur Gleichstellung zu Ende geht.
Indien hat bislang immer dann religiöse Spannungen abzubauen vermocht, wenn eine Zusammenarbeit z. B. in regionalen Belangen realisiert werden konnte und sich somit eine produktive Vielfalt für konstruktive Ziele einsetzen ließ.
Ist also ein gewisser Grad an Optimismus angebracht? Der Standpunkt, Indien habe in der Vergangenheit überlebt und werde dies auch in Zukunft tun, ist trotz seiner immensen Abwehrleistung nach innen gefährlich. Indien befindet sich gelegentlich in einem unzufriedenstellenden Status der "angespannten Unentschiedenheit" (John Kenneth Galbraith). Das nächste level kann nur durch gezielte Entscheidungen erreicht werden. Vertrauen in die indische Selbstreinigungskraft hat auf der anderen Seite auch seine Berechtigung in Hinblick auf den stets in Indien vorherrschenden Dualismus, beginnend mit der Bezeichnung dieses Landes: Indien vs. Bharat, die amtliche Bezeichnung Indiens - in der einen Ecke Materialismus, Maschinen und Moderne, in der anderen Spiritualismus, Mythen und Traditionen. 
Ring frei für Obdachlose gegen Luxusvillenbesitzer, Gewaltlosigkeit gegen militaristische Nuklearmacht, halbnackte Filmstars gegen in burqua gekleidete Musliminnen. 
Ein wundersames Erlebnis für jeden Touristen muss der z. T. grauenvolle Zustand der öffentlichen Hygiene im Gegensatz zur meist groß geschriebenen persönlichen und häuslichen Sauberkeit darstellen. 
Das traditionelle Indien mit seinen unverrückbaren Familienwerten nimmt - wenn überhaupt nur aus dem Augenwinkel die Scheidungen und Affären der unantastbaren Bollywoodstars zur Kenntnis. 
Der letzte Kampf wird zwischen Flecken von Natur in ihrer reinsten, unberührtesten Form, Touristenansammlungen in Strand- und Tauchparadiesen und den teuersten Büromieten der Welt ausgetragen.
Im Grunde besteht in allem "Indischen" ein zwiespältiger Ausgleich, eine innere Kompensation, ein Weg zum Frieden. Solange man sich nicht einer Seite verschreibt, sondern aus der harmonischen balance für sich persönlich und gesamtstaatlich die Vorteile beider Indien zu nutzen versteht.
Nachahmlich existiert in Indien eine außergewöhnliche Fähigkeit, Fremdes zu absorbieren und in etwas zu überführen, was letztendlich "indische" Züge annimmt. "Indisch" - ein Paradoxon an sich, aber eins, das für Indien funktioniert.
Mahatma Gandhi äußerte sich in einer Weise über die Indische Kultur und Religionsvielfalt,
die als eine Erklärung und gleichzeitig als eine Vision für ein friedvolles und für jeden gewinnbringendes Miteinander aufgefasst werden konnte und sollte:

Ich möchte nicht, dass mein Haus eingemauert ist von allen Seiten und dass meine Fenster verhüllt sind. Ich möchte, dass die Kulturen aller Länder in mein Haus wehen, so frei wie nur möglich. Ich weigere mich jedoch, von irgendeiner umgeweht zu werden.

Gleichgültig, wohin Indiens Weg in der Zukunft führen wird - und es wird mindestens 1 Mrd. verschiedene Wegweiser geben - so sollte doch jedem Inder die Tragweite des indischen Geschehens für den gesamten Globus bewusst sein -quantitativ (ein Sechstel der Erdbevölkerung) und qualitativ durch die verschiedenste Zusammensetzung dieser.
Wenn Indien es richtig anstellt, kann es durch die Lösung seiner Konflikte als selbstbewusste Persönlichkeit vor die Welt treten - ein mutiges Indien, das offen für seine inneren Debatten über verschiedene Ideen und Interessen ist, keine Furcht vor der Außenwelt zeigt und in seinem zeitlosen Pluralismus seine größte Stärke und Quelle für die Freisetzung schöpferischer Energien sieht - unser Indien des 21. Jahrhunderts!

Am südlichen Zipfel des Landes befindet sich ein in vielerlei Hinsicht dem gesamtindischen Konzept äquivalenter Bundesstaat, Land der Palmen: Kerala. 
Sein topographischer Pluralismus reicht von der einst unbesiedelten Bergkette Malabar im Norden über prachtvolle Küstenabschnitte, der sanften Brise über weiten Reisfeldern im Zentrum bis hin zu seinen weltberühmten "backwaters", auch heute noch Handelsstraße und Verkehrsweg.
Die Einwohner Keralas haben sicherlich einen Vorteil gegenüber Restindien: eine einheitliche Sprache (Malayalam), wenn auch in verschiedenen Dialekten.
In seiner religiösen Mannigfaltigkeit steht Kerala der Nation in nichts nach: Apostel Thomas brachte bereits im 1. Jahrhundert das Christentum in diesen Bundesstaat. Zudem beherbergt Kerala eine der ältesten jüdischen Glaubensgemeinden der Welt.
Der Islam erreichte Kerala vor allem durch Händler und Reisende.
So besteht hier eine sicht- und fühlbare Umsetzung des nationalen Wunders des religiösen Pluralismus: vom Ruf des Muezzins, der Sanskrit-Gebete in Tempeln zu den Glocken der Kirchen - dies alles ist fester Bestandteil des Alltags der Malayalees. Ganz konkret: in einer Straße wohnen Mohammed und Fatima, Chandran und Padma, George und Annama Tür an Tür - vor allem arbeiten sie zusammen und beschäftigen sich mit denselben Belangen in ihrem Kreis, wie die Kommunalwahlen im nächsten Monat, der Bau eines Krankenhauses, der Klatsch um die neuesten Skandale.
Erstmalig auf der Welt wurde 1957 in Kerala nach demokratischer Wahl eine kommunistische Regierung gebildet, 1959 ihres Amtes enthoben und wiedergewählt.
Die linkslastigen Legislaturperioden, zuvor fortschrittsbegeisterte Maharajas und im Allgemeinen Reformbewegungen innerhalb traditioneller Grenzen kennzeichnen die Offenheit gegenüber äußeren Einflüssen: britische, islamische, christliche, marxistische, chinesische, portugiesische Lebensweisen kehrten in den Alltag der Malayalees ein. Dabei wurde viel Nützliches übernommen: Häfen im römischen Stil, chinesische Fischernetze, Häuser aus der portugiesischen Kolonialzeit.
Auch eigenständige Produktionen entwickelten sich vielversprechend: handwerkliche Meisterleistungen, besonders in aus Teakholz errichteten Häusern, der anmutige Tanzstil des Mohini Aattham, Keralas literarische Werke und Musik reich an Poesie und die wertvollen Geheimnisse des Ayur Veda geben im Gegenzug Unermessliches an die Außenwelt zurück.
Ökonomisch könnte man jedoch Anstoß daran nehmen, dass die Malayalees bislang relativ stark die Belange der Arbeiter berücksichtigt haben.
Keralas eigentliches Defizit besteht allerdings mehr in seinem katastrophalem Kosten-Nutzen-Verhältnis: ausgestattet mit vergleichbaren und z. T. besseren Indikatoren westlicher Industrieländer (fast 100% Alphabetisierung, ähnliche Lebenserwartungen und ähnlich geringer Geburtenrate), gestraft jedoch durch miserablen Verdienst.
Die hohe Alphabethisierungsrate, Durchsetzung der Rechte der Frauen und ein hoher Bildungsstand haben, wie bereits erwähnt, in Kerala zum Erfolg staatlicher Kampagnen zur Bevölkerungskontrolle beigetragen. Die sich jetzt bildende Generation mit vorwiegend Einzelkindern war noch für ihre Eltern mit meist fünf bis sechs Geschwistern nicht vorherzusehen.
Kerala ist also in jeglicher Hinsicht ein Mikrokosmos der nationalen Gegebenheiten, ja ein "little india". Die Herkunft aus diesem Land lässt einen das weite Spektrum des Menschen begreifen ohne einen äußeren Anpassungszwang. Das Prinzip der Einheit in der Vielfalt hat seine Wurzeln schon in der Natur.
Ein gesunder Regionalismus kann gemeinsamen Zielen dienlich sein.
Sowohl an das pluralistische Kerala als auch an das pluralistische Indien richtet sich die Aufgabe, jedem seiner Bewohner gleichermaßen Platz für all seine Hoffnungen und Wünsche zu schaffen in einem einheitlichen nationalen Traum. Nur so kann Indien über seine Einzelteile hinauswachsen zu einem Indien, das sich keinem verwehrt.

Inder und vor allem Malayalees haben auch im Austragungsort Deutschland eine besondere Position. Der Notstand an Pflegekräften in den 60er und 70er Jahren brachte viele christliche Malayalees, oft vermittelt über die Kirche, ins Land. Dennoch ist das öffentliche Bild des "Inders" in Deutschland nicht von diesen Personen geprägt. Die in den Medien bedauerlicherweise häufigen Assoziationen mit Indern reichen von Räucherstäbchen bis Bhangra-Musik, dem "Punkt auf der Stirn" bis scharfem "curry" (das in Wirklichkeit gar nicht existiert, da es kein Universal-"Currypulver" gibt, sondern jedes Gericht durch sorgfältiges Auswählen zwischen über 100 Gewürzsorten und mannigfaltigen Arten der Zubereitung entsteht), dem IT-Spezialisten bis zum McDonalds-Angestellten.
Vielleicht sind solche Vorurteile deshalb so verbreitet, weil von den im Vergleich zu anderen ausländischen Gruppen Deutschlands die Inder sich wieder einmal in der Minderheit befinden.
Enorme Laufbereitschaft lässt sich unter den hier schon seit mehreren Jahrzehnten lebenden Indern in Bezug auf ihre beachtliche Integrationsleistung feststellen. Neben ihrer Arbeitstätigkeit, guten Sprachkenntnissen und Erwerb von Häusern und Grundstücken ist auch die deutsche Staatsbürgerschaft keine Seltenheit mehr.

Das indische Motto des Leben- und Lebenlassens überträgt sich auch auf deutschem Rasen.
Nur wie stehen die Ex-Nationalspieler Indiens, sogenannte NRIs (non-resident indians), zu ihrem früheren Heimatland und Kerala, ihrem ehemaligen Verein - und erst ihre Kinder, die größtenteils in der Bundesrepublik geboren und aufgewachsen sind?
Der Wechsel zu Deutschland trennte "das weiße Ballett" der Schwestern und Pfleger von Familie und Freunden und machte sie zu Ausländern im eigenen Land.
Durch moderne Kommunikationsmittel wurde zum einen die Verbindung zu ihrem kulturellen Erbe regeneriert, zum anderen jedoch ein innerer Konflikt zwischen Anpassung und Treue zum Heimatland neu formiert. Mit dauerhaftem Catenaccio ließ sich jedoch kein wirkliches Leben in der Fremde - mit zunehmenden Jahren mehr und mehr eine neue Heimat - gestalten. Die indische Regierung sah in diesen Bedingung eine Konterchance. Sie erklärte den 9. bis 11. Januar 2003 zum weltweit ersten Pravasi Bharatiya Divas - von nun an ein Zeitraum (in Erinnerung an Mahatma Gandhi, der vor fast 90 Jahren nach Indien zurückkehrte) gewidmet den Auslandsindern (ca. 35.000), die sich nicht nur finanziell ihrem Vaterland verpflichtet fühlen sollen. Regierungschef Vajpayee lockte zudem mit Verheißungen der doppelten Staatsbürgerschaft.

Inwieweit dies in der Zukunft realisiert werden kann, bleibt abzuwarten.
Auf der gegnerischen Seite schien bislang das Spiel der Inder in Deutschland noch ziemlich verfahren, die zündenden Pässe in Richtung einheitliche indische Gemeinschaft in der Bundesrepublik fehlten. Nicht zuletzt, weil auch hier - in der minderen Minderheit - immer noch der invasiv-zerstörerische Gedanke der Verschiedenheit, nicht der Gemeinsamkeit des "Indischen", Fuß fassen konnte.
Effektive Zweikämpfe und Mannschaftsgeist für sozialpolitische Belange in Indien sind gefragt.
Schließlich gibt es genügend kulturelle, politische, ökonomische und soziale Problemstellungen, die einen Angriff wert sind.
Vielleicht ist dies die siegreiche Taktik aus der Nation Indien für jeden von uns!

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